Donnerstag, 5. März 2009

"Sein Motiv war - Rache!": Psychiater Haller
in NEWS über "Inzest-Horrorvater" Josef F.

  • Spricht über Bedeutung von F. für die Kriminologie
  • Interview: Äußert sich über "das Böse" im Menschen
    PLUS VIDEO: Auf der Suche nach "Code des Bösen"!

Reinhard Haller: einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Österreichs. Von Franz Fuchs bis Jack Unterweger – der Vorarlberger hat bereits Dutzende Verbrecher, die Kriminalgeschichte geschrieben haben, analysiert; im Zuge seiner Gutachtertätigkeit in Hunderte Mörderseelen Einblick bekommen; dabei versucht, die Frage nach dem Warum zu entschlüsseln. Und jetzt äußert ein „ganz besonderer Täter“ sogar selbst den Wunsch, von Haller untersucht zu werden: Josef F.

Der „Horrorvater von Amstetten“. Jener Mann, der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in einem Kellerverlies seines Hauses gefangen gehalten, ihr unfassbares Leid angetan hat. Im NEWS-Interview spricht nun Reinhard Haller über die Bedeutung der„Causa F.“ für die Kriminologie – und über das „Böse“ im Menschen.

NEWS: Herr Professor Haller, Josef F. denkt, für Profiler und Psychiater ein gutes Studienobjekt zu sein …
Reinhard Haller: Fest steht: Sein Fall gilt weltweit als einzigartig. Darum ist es natürlich von extremer Bedeutung, ihn so gut wie möglich aufzuarbeiten, also die Persönlichkeit des Täters umfassendst zu erforschen.

NEWS: Mit welchem Ziel?
Haller: Vorrangig natürlich mit jenem, für künftige Kriminalcausen zu lernen. Zu wissen, dass, wenn wieder einmal jemand irgendwo plötzlich spurlos verschwindet, der Entführer ein Mensch mit einer ähnlichen Psychostruktur wie Josef Fritzl sein könnte. Fakt ist schließlich: Je mehr wir über Personen, die derartige Delikte begehen, wissen, desto größer sind die Chancen, sie zu überführen.

NEWS: Aber kann „das Böse“ überhaupt jemals wirklich greifbar, diagnostizierbar werden?
Haller: Das, was wir salopp „das Böse“ nennen, ist nicht an allgemein gültigen Parametern festmachbar. Wir wissen etwa, dass einige Menschen, die extrem schreckliche Verbrechen begangen hatten, Tumore im Putamen, einem Kerngebiet des Gehirns, aufwiesen. Außerdem ist bekannt, dass genetische oder hormonelle Auffälligkeiten eine erhöhte Gewaltbereitschaft und/oder völlige Empathielosigkeit zur Folge haben können. Aber letztendlich gültige Resümees aus derartigen Umständen zu ziehen wäre unseriös.

NEWS: Josef F. soll seinen Angaben zufolge ein schwer gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter gehabt haben, von ihr als Bub psychisch und physisch brutal misshandelt worden sein …
Haller: Und es scheint geradezu „typisch“, dass er irgendwann den Part seiner Mutter übernahm – und sich selbst ein Opfer suchte. An dem er in der Folge all das „Böse“, das ihm einst angetan wurde, auslebte. Der Geschundene wurde also zum Rächer. Zum Täter. An einer Frau. Und führte damit letztendlich in seinen Gedanken sogar eine Versöhnung mit der Peinigerin herbei, die ihm einst so viele Qualen zugefügt hatte. Indem er genauso und noch viel schlimmer agierte als sie. Und sie, seine Mutter, gleichzeitig zu „verstehen“, zu entschuldigen lernte.

NEWS: Die Triebfeder von Herrn F. war also Rache?
Haller: Das nehme ich an. Und vermutlich auch ein extrem überhöhtes Bedürfnis nach Macht.

NEWS: Macht zu haben über eine Frau – über seine Tochter Elisabeth.
Haller: Und über die Kinder, die er mit ihr bekam. Mit jedem Kind, das in dem Bunker geboren wurde, erlangte der Mann schließlich mehr Macht.

NEWS: Über Menschen …
Haller: Und über ihre Schicksale. Er alleine konnte entscheiden, welche der Babys nach „oben“, in die Freiheit, gebracht wurden und welche im Bunker bleiben mussten.

NEWS: Wie weit, wie genau hatte Josef F. seine Tat vorausgeplant?
Haller: Macht- und Rachefantasien sind wahrscheinlich schon lange, bevor er seine Tochter einkerkerte, in ihm gewesen. Doch ich denke nicht, dass er sein Verbrechen von langer Hand detailgenau entworfen hat, sondern dass er es vielmehr schrittweise ausführte. Je sicherer er sich fühlen konnte, desto "mutiger" wurde er …

NEWS: Wie schaffte er es, sich selbst so sehr zu "manipulieren", dass er sich, dass er sein "böses Geheimnis" nie verriet? Wie war es ihm etwa möglich, nach einem "Besuch" bei seinen Opfern einen Kaffeehausbesuch zu machen und Kellnerinnen Witze zu erzählen oder auf Baustellen mit Geschäftspartnern Deals auszuhandeln?
Haller: Kein Mensch ist nur gut oder nur "böse", kein Mensch verhält sich immer gleich. Und bei einem „Meister des Verschleierns“ ist die Fähigkeit, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, besonders groß.

NEWS: Welche Rolle wird Josef F. vor Gericht spielen?
Haller: Ich denke, er wird sich ruhig und beherrscht geben und darum bemüht sein, so ausführlich wie möglich seine Sicht der Dinge zu erklären.

NEWS: Angeblich fürchtet er sich vor den vielen Menschen, den Geschworenen, den Journalisten, denen er bei dem Verfahren gegenübertreten muss.
Haller: Aber ich vermute, dass er bei seiner Verhandlung auch wieder ein Gefühl von Macht empfinden wird. Weil er genau weiß, dass nur er über bestimmte Tatdetails Bescheid weiß …

NEWS: Und danach – was wird nach dem Urteil sein mit ihm?
Haller: Ich glaube, er hofft noch immer auf eine milde Bestrafung. Darauf, in ein paar Jahren in Freiheit zu kommen und mit seiner Ehefrau und vielleicht sogar mit ein paar seiner Kinder zusammenzuleben.

Das ganze Interview lesen Sie im NEWS 07/09!

5.3.2009 10:56