Bald "Sperrstund" in den Gourmettempeln Wiens?: "Jännerloch" wird zum Abgrund
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- Star-Koch Bernie Rieder hat "das Hangerl geworfen"
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Am 2. Februar warf Bernhard Bernie Rieder, der Wildeste unter Österreichs Jungen Wilden, endgültig das Hangerl. Das Turm, die chice Vorzeigeadresse experimenteller Molekularcuisine made in Austria, ist seither geschlossen. Sollte Shootingstar Rieder mit seinen hocharomatischen Schäumen, bunten Gelees und der frechen Devise Gut Essen ist der Orgasmus des Magens tatsächlich Schiffbruch erlitten haben?
Nicht die Rede davon, beteuert Rieder, der vom Konkurs seines Restaurants, das sich im Besitz einer in Malta ansässigen Unternehmensgruppe befand, erst aus der Wiener Zeitung erfahren hat. Wir haben das Das Turm im Herbst durch super Auslastung in die schwarzen Zahlen gebracht, berichtet Küchenchef Rieder stolz über die Erfolge seines seit Montag arbeitslosen 15-Mann-Teams. Aber im Wienerberg-Tower gibts einfach eine Sommerflaute, und die konnten wir nicht mehr aufholen. Fazit: Die nötige Finanzspritze aus Malta kam nicht und die Krankenkasse schickte das Restaurant vom 22. Stock in den Schuldturm.
Krise à la carte.
Die Turm-Pleite ist freilich nur die Spitze eines Eisbergs. An Symptomen, dass die Weltfinanzkrise allmählich die Wiener Luxusgastronomie erreicht hat, mangelt es nicht. So schloss das Gourmetrestaurant im Palais Coburg am 1. Jänner seine Pforten, und der Posten von Vierhaubenkoch Christian Petz wurde nicht nachbesetzt. Womit, wenn man auch Jahrhundertkoch Jörg Wörther und Ex-Vierhauber Reinhard Gerer dazurechnet, zurzeit drei der besten Köche des Landes ohne eigenen Herd dastehen. Auch ansonsten macht sich unter Wiens Topgastronomen allmählich Nervosität breit. Das Jännerloch ist definitiv stärker ausgefallen als sonst, gibt etwa Novelli-Boss Franz Haslauer zu. Dabei ist sicher nicht weniger Geld in der Stadt als früher. Nur die Psychologie hat sich geändert.
Die Russen sind weg!
Auch Uwe Kohl, der seine 3 Husaren in schon länger zurückliegenden goldenen Zeiten dreimal an einem Abend voll auslastete, sieht sich immer häufiger vor leeren oder halb leeren Tischen: Die Zeit der Vierer- oder Sechsertische ist vorbei. Heute kommt man zu zweit und spart. Vor allem die Amerikaner, Engländer und Russen haben heuer völlig ausgelassen. Selbst das Steirereck, der immervolle Dauerbrenner der Wiener Luxusklassengastronomie, kochte im Jänner, wie Patronne Birgit Reitbauer einräumt, statt für 90 nur für 70 Gäste am Tag. Aber immerhin, fügt sie hinzu, haben wir im Gegensatz zu anderen bis heute niemanden aus unserem Team gekündigt.
Edelwirtshaus statt Nobelhobel.
Während die meisten Wiener Topgastronomen an ihrer Küchenlinie trotz Krise vorläufig nichts ändern wollen, hat Finanzinvestor und Hobbygastronom Alexander Stauder in seinem Weißen Rauchfangkehrer, bis dato einem der besten und teuersten Wiener City-Restaurants, die Notbremse gezogen. Die Krise in der Spitzengastronomie hat schon mit der EURO 2008 begonnen, die uns um die Kongressgastronomie gebracht hat, weiß Stauder und zückt für NEWS auch freimütig den Rechenstift: Wir haben in der Saison 07/08 einen Bruttoumsatz von 1,6 Millionen und 08/09 einen von 1,1 Millionen Euro erzielt. Das sind 28 Prozent minus, während im selben Zeitraum die Einstandspreise für Lebensmittel im Schnitt um 50 Prozent gestiegen sind.
Weil Stauder diese Einbußen in Krisenzeiten unmöglich an den Gast weitergeben kann, läuft im Rauchfangkehrer seit zwei Wochen ein Edelbeiselkonzept, das Schulterscherzl statt Taubenbrust und Gulasch statt Rehmedaillon ins Zentrum rückt. Unsere Konkurrenten sind jetzt nicht mehr der Meinl am Graben und das Steirereck, sondern es ist der Plachutta, meint Stauder angriffslustig. Wir wollen besser und ein bisschen billiger sein als in der Wollzeile, und ich denke, das ist zu schaffen.
Wege aus der Depression.
Auch Bernie Rieder, derzeit auf Arbeitssuche, wird es bei seinem künftigen Arbeitgeber wohl billiger geben. Während ich mich in den letzten Jahren auf die Perfektionierung meiner Ente konzentriert habe, werde ich mich in Zukunft mehr auf jene des Entenmagens konzentrieren. Da lässt sich leichter ein Geschäft machen.
Und Gastro-Multi Toni Mörwald, dessen Betriebe in Krems und Feuersbrunn sich trotz Krise bester Auslastung erfreuen, orakelt über die Besucherflaute seines Prestigelokals im Wiener Luxushotel Ambassador: Ich komme gerade aus Lyon. Je schlechter es den Franzosen wirtschaftlich geht, desto öfter gehen sie essen, um nicht depressiv zu werden. Der Wiener hingegen wird depressiv und geht zum Heurigen.
Bild: Molekularkoch Bernie Rieder, Steirereck-Patronne Birgit Reitbauer, Ex-Vierhauben-Koch Reinhard Gerer, Gastro-Multi Toni Mörwald
Die ganze Story lesen Sie im NEWS 06/09!
