Die Zukunft gehört der Klassik: Bogdan
Roscic übernimmt Sonys Klassik-Sparte
- NEWS: Spektakuläres Engagement sorgt für Aufsehen
- Ende der CD im Klassik-Segment nicht absehbar

Andere haben in diesen Zeiten schon absalutiert. Die klassische Tonträgerindustrie sei tot, erfahren wir, wenn wieder eine Firma einen großen Künstler von Weltrang auf die Straße setzt. Auch das Popsegment dividiere seine Umsätze und könne die Klassik nicht länger ernähren. In diesen Zeiten meldet der japanische Elektronikkonzern Sony Erstaunliches: Man habe zwecks großzügigen Ausbaus der Klassiksparte den österreichischen Musikmanager Bogdan Roscic, 44, vom Konkurrenten Universal abgeworben.
Der studierte Musikwissenschaftler und frühere Ö3-Chef, derzeit Direktor der Decca Music Group in London, werde am 6. April als Chef bei Sony Classical antreten und könne sich bis dahin nicht öffentlich erklären.
Der Mann, der ihn geholt hat, ist solchen Rücksichten nicht unterworfen. Rolf Schmidt-Holtz, 60, Vorstandsvorsitzender von Sony Music mit Sitz in New York und somit Arbeitgeber der Damen und Herren Anastacia, Beyoncé, Bob Dylan, Celine Dion und Udo Jürgens. Wir hatten über die Jahre einen guten Namen, aber keine zufrieden stellende Entwicklung. Es galt also die Grundsatzfrage zu klären: Was machen wir mit der Klassik? Wir hätten sie auf kleiner Flamme mitköcheln lassen können. Es fiel aber die strategische Entscheidung: Klassik ist wichtig, ein Kernbereich unserer Kultur. Also habe ich mich im Markt umgehört, und da kam ständig der Name Roscic, ein kreativer, unternehmerischer Mensch, der in der Lage ist, mit sehr vielen außergewöhnlichen Künstlern so umzugehen, dass sie ihm über Jahre vertrauen. Die Strategie lautet Wachstum, der richtige Mann ist gefunden. Also machen wirs. Und wir haben keine finanziellen Vorgaben, fügt der frühere Stern-Journalist und Bertelsmann-Vorstand hinzu. Und wir werden vernünftige Konzepte auch mit nötigen Investitionen begleiten.
Netrebko, Fleming, Garanca
Die außergewöhnlichen Künstler sind die letzten klassischen Quotenbringer und großteils beim Konkurrenten Universal daheim: Bei der Deutschen Grammophon hatte Roscic Elina Garanca für den Weltmarkt entdeckt, Wagner-Aufnahmen unter Christian Thielemann produziert und den Markt mit Quotenwundern wie Anna Netrebko, Rolando Villazón, Lang Lang und Anne-Sophie Mutter unterfeuert. Bei der Schwesterfirma Decca arbeitet er jetzt mit Renée Fleming, Cecilia Bartoli und Jonas Kaufmann, dem gefragtesten Tenor der Gegenwart. Schmidt-Holtz mit diplomatischer Deutlichkeit: Ich erwarte überhaupt nichts. Aber wir brechen auf zu neuen Ufern, und wir haben den Besten an Bord. Und wenn Künstler daran teilnehmen wollen, sind sie herzlich eingeladen.
Hier könnten aufregende Zeiten anbrechen, denn Netrebko-Manager Jeffrey Vanderveen hat seine komplette Premiumklientel eben erst aus der alten Firma IMG Artists zu einer eigens gegründeten Universal-Tochter mitgenommen. Andererseits findet Roscic bei Sony Preziosen wie Nikolaus Harnoncourt, Angelika Kirchschlager, den Dirigenten Mariss Jansons, den Pianisten Murray Perahia, den Cellisten Yo-Yo Ma und den Geiger Joshua Bell vor.
"Die CD ist nicht tot"
Wohin aber mit ihnen allen, wenn keiner mehr eine CD kaufen will? Ins Netz wie andere? Schmidt-Holtz verspürt keine Bereitschaft, sich hier vor Tatsachen stellen zu lassen: Die CD ist nicht tot, sondern nur in einer unschönen Entwicklung. Die Klassikliebhaber sind keine Online-Freaks, also werden wir sie noch relativ lange mit CDs versorgen, und zwar über neue Vertriebswege. Es gibt sehr viele Menschen, die keinen CD-Laden mit Klassik mehr in ihrer Stadt haben. Die wieder zu erreichen ist die nächste Aufgabe. In Salzburg sind zur Festspielzeit 30 Prozent der Geschäfte mit musikorientierten Produkten ausgestattet. Darüber sollten wir nachdenken.
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