Montag, 2. Februar 2009

Wenn Eltern ihre Kinder verlieren: Mit
einem Schlag ist der Zukunftsplan weg

  • Etwas Schlimmeres kann Eltern wohl kaum passieren

Ein Verkehrsunfall - und die Kinder sind tot: für Eltern wohl das Schlimmste, das passieren kann. "Es ist nicht nur der Verlust eines Menschen, sondern auch des Sinns meines Daseins auf Erden", formulierte es die klinische Psychologin Sandra Lettner vom Berufsverband Österreichischer Psychologen (BÖP). "Das Wieder-nach-vorne-Schauen ist das Schwierigste, weil man alles infrage stellt. Der Zukunftsplan, den man gehabt hat, der fehlt jetzt."

Mitten im routinierten Alltag geschieht das Unvorhergesehene, die Ereignisse überschlagen sich: "Im ersten Moment hat man nur die Möglichkeit, mit einem Schock zu reagieren", so Lettner. Dass Eltern sofort begreifen, was passiert ist, ist nicht anzunehmen - schon gar nicht, wenn sie beim Unfall selbst verletzt wurden und entsprechende Medikamente erhalten. Auch leiden viele Menschen nach einem Unfall an Amnesie: Wichtig sei zuerst, den Eltern Ruhe zu geben, damit sie sich selbst wieder einfinden können.

Meist würden die Betroffenen von sich aus beginnen, Fragen zu stellen. Dann sollte man behutsame, aber klare Antworten geben: "Die Menschen spüren, wenn sie jemand anlügt oder hinhält", so Lettner. Wichtig sei ein Ritual, mit dem sich Eltern von ihren Kindern verabschieden könnten - das sei notwendig, um das Geschehene besser begreifen zu können. Ist z. B. die Teilnahme am Begräbnis nicht möglich, folge oft das Phänomen des Nicht-wahrhaben-Wollens. Eltern hätten auch häufig mit - surrealen - Schuldgefühlen zu kämpfen.

"Alles infrage gestellt"
Der Verlust eines Kindes sei für Eltern sehr schlimm, weil man auch vom evolutionären Gedanken her darauf programmiert sei, einen Partner zu finden und Nachwuchs aufzuziehen, der sozusagen für einen weiterlebt. "Wenn der dann nicht mehr da ist, dann wird alles infrage gestellt", sagte die Psychologin. Das Umgekehrte sei "im Programm vorgesehen": Dass Eltern oder Großeltern sterben könnten, wisse man - und allein, plötzlich ohne Mutter oder Vater auszukommen, sei schon ein Entwicklungsschritt; ärger noch das Gegenteil.

Als Familie habe man einen Zukunftsplan gehabt, etwa wann das Kind in die Schule gekommen wäre oder man hat extra ein Kinderzimmer angebaut. "Es braucht sehr viel Zeit, um aus dem Schock herauskommen und wieder nach vorne schauen zu können", sagte Lettner.

Generell laufe die Verarbeitung eines solchen Ereignisses in Phasen ab: "Schock, Nicht-wahrhaben-Wollen, dann folgen das Begreifen, tiefe Verzweiflung und wenn überhaupt, dann die Phase, in der man es als geschehen annehmen kann - akzeptieren wäre zu viel gesagt." Ein Psychologe würde durch alle Phasen begleiten - aber auch Familie und Freunde könnten unterstützen, indem sie für die Betroffenen da seien: "Aber nicht überfahren", riet Lettner.

(apa/red)

2.2.2009 12:42