Fast ein Jahr nach dem Inzest-Drama: In Amstetten ist man "sehr sensibel geworden"
- Bürgermeister: Bevölkerung ist zusammengerückt
- Erstes Urteil gegen Josef F. soll am 20. März fallen

·Inzestprozess gegen
Josef F. ab 16. März
Anklagepunkte: Von Mord
bis zur Vergewaltigung
·NEWS.AT EXKLUSIV: Anklage gegen Fritzl
Auszüge aus Schriftstück der Staatsanwaltschaft
"Die Stadt war tagelang gelähmt. Jeder redete darüber", erinnerte sich Amstettens Bürgermeister Herbert Katzengruber an das Bekanntwerden des unfassbaren Inzest-Falles Ende April 2008. "In Amstetten ist man sehr sensibel geworden", das "Wegschauen" bei Auffälligkeiten in Familien wurde weniger, verwies Katzengruber auf Anlaufstellen wie u.a. Frauenhaus und Kinderschutzzentrum. "Die Bevölkerung ist ein Stück zusammengerückt."
Katzengruber geht davon aus, dass das Haus in der Ybbsstraße, in dem der Verdächtige laut Anklage seine Tochter im Keller gefangen hielt und sieben Kinder mit ihr zeugte, nach Prozessende (am 20. März bzw. nach rechtskräftig werden das Urteils, Anm.) zum Verkauf anstehen wird. Die Nachbarn von Josef F. würden das 24 Jahre dauernde Martyrium der Opfer nicht aus den Köpfen bekommen: "Sie machen sich heute noch Vorwürfe - aber niemand hat etwas mitgekriegt." Die Frau des Verdächtigen sei als sehr nett und gutmütig bekanntgewesen, F. habe als zurückgezogen und etwas schrullig gegolten - auch Katzengruber selbst, obwohl seit 20 Jahren Bürgermeister der rund 23.000 Einwohner zählenden Bezirksstadt im Mostviertel, kannte den Mann nicht.
Eine zweite Liegenschaft des Verdächtigen sei zum Verkauf freigegeben. Geplant sei eine Bebauung von etwa 15 Wohneinheiten, das Projekt (in Bachnähe) liege derzeit bei der Wasserrechtsbehörde.
Medienrummel "war schlimm"
Der Medienrummel damals "war schlimm", stellte der Bürgermeister lapidar fest. Allerdings habe sich "die Spreu vom Weizen getrennt": Manche recherchierten seriös, nahmen Anteil - während andere ihn aufforderten, etwas gegen das "Behördenversagen" zu unternehmen, trotz des Hinweises der Nichtzuständigkeit (er als Bürgermeister für die Bezirkshauptmannschaft, Anm.). In der Gemeinde sei damals sofort eine Strategie entwickelt worden: Sprecher Hermann Gruber kümmerte sich um die ausländischen Medien, sämtliche einlangende Mails wurden beantwortet, die traditionellen 1. Mai-Feiern angesichts der Betroffenheit abgesagt.
Aufgrund zahlreicher Anfragen wurde ein Spendenkonto eingerichtet, das dann an den Opferanwalt weitergeleitet wurde. Die Stadt habe sich den Opfern nicht aufgedrängt, betonte Katzengruber. Daher habe es keine Kontakte gegeben, er wisse auch nicht, wo die Familie wohne.
Nachdem das Medieninteresse abgeebbt war, gab es ein Brainstorming - wo waren Fehler, was könnte man besser machen. Auch jetzt kommen Anfragen, für eine neuerliche Medienpräsenz in Amstetten rund um den fünftägigen Prozess in St. Pölten - für den sich bereits Dutzende auch internationale Medien akkreditiert haben - "sind wir gerüstet", so Katzengruber.
Kein Imageschaden
Auch wenn man Amstetten wahrscheinlich gedanklich nach wie vor mit dem Inzest-Fall verbinde, glaubt der Bürgermeister nicht an einen Imageschaden für die Stadt. Aufsehenerregende Kriminalfälle könnten überall auf der Welt passieren. Die Botschaft des aus tiefer Betroffenheit auf Privatinitiative am 29. April organisierten Lichtermeers, "Wir gestalten Zuversicht", sei "gut rübergekommen", meinte Katzengruber. Viele Firmen hätten sich bemüht, in ihren ausländischen Kontakten die Region positiv zu positionieren, und bekamen ein gutes Feedback, sogar aus Australien. Auch sein Sohn und dessen Freunde setzten im Kleinen mit objektivierenden Leserbriefen, von denen er gar nichts wusste, Akzente.
Dass der in seiner Dimension in der Kriminalgeschichte wohl einzigartige Fall damals weltweit für Schlagzeilen sorgte, merkte Katzengruber persönlich auch am Anruf seines Bruders, der sich gerade in Brasilien aufhielt.
(apa/red)
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