FORMAT-Chefredakteur Peter Pelinka
über das Ende der Ruhe in der Kirche
- Wirbel um Bestellung des Linzer Weihbischof

Satan Harry Potter. Oder: Das Ende der Ruhe in der katholischen Kirche.
FORMAT-Chefredakteur PETER PELINKA über das fatale Signal, welches der Papst mit der Bestellung des neuen Linzer Weihbischofs nach Österreich sendet.
Falls Sie a) alt genug und b) an der größten Religionsgemeinschaft in Österreich interessiert sind, werden Sie sich noch an dramatische Szenen erinnern, die sich vor knapp 22 Jahren am Wiener Stephansplatz ereignet haben: Der neue Weihbischof musste sich den Weg zu seiner Ernennung mithilfe der Polizei bahnen, Hunderte Gläubige hatten sich zum Protest gegen den neuen Gehilfen des ebenfalls umstrittenen Hauptbischofs auf den Boden vor der Kathedrale gelegt. Ihre gelinde gesagt Skepsis gegenüber dem konservativen Duo, das ausgerechnet dem zu Recht überaus beliebten Franz Kardinal König folgte, erwies sich als weitblickend: Hans Hermann Groër, die Nummer eins, wurde von Vorwürfen eingeholt, er habe Jugendliche sexuell missbraucht; Kurt Krenn, die Nummer zwei, polarisierte später als Bischof von St. Pölten diese Diözese ebenso wie zuvor jene in Wien. Die beiden führten die römisch-katholische Kirche Österreichs in ihre größte Krise: Tausende traten ganz aus, Hunderttausende wählten den Weg in eine innere Emigration. Erst Christoph Kardinal Schönborn, ein gemäßigter Konservativer, beruhigte nach einem beinharten Machtkampf mit dem polternden Krenn die Fronten in der Kirche halbwegs.
Mit dieser Ruhe könnte es nun bald wieder vorbei sein. Der Papst, wegen der Aussöhnung mit der obskur-reaktionären Pius-Bruderschaft (und einem Holocaust-leugnenden Bischof inklusive) selbst im Kreuzfeuer weltweiter Kritik, hat ausgerechnet der seit den Tagen der Bischöfe Alois Wagner und Maximilian Aichern traditionell liberal ausgerichteten Linzer Diözese einen ultrakonservativen Weihbischof aufs Auge gedrückt. Expfarrer Gerhard Wagner war über seine Gemeinde Windischgarsten hinaus durch gar seltsame Sprüche bekannt geworden: Harry Potter sei ein Produkt des Satanismus, es sei kein Zufall, dass der Tsunami zu Weihnachten Touristen getroffen habe, welche unbeschwert urlauben wollten, statt daheim das Fest zu feiern, auch der New Orleans zerstörende Hurrikan sei als göttliche Strafe gegen Nachtklubs, Abtreibungskliniken und Homoparaden zu interpretieren. Diesen krausen Theorien entsprach eine ebenso unbarmherzige Praxis: Mädchen wurden sogar gegen das vatikanische Verdikt nicht als Ministrantinnen zugelassen, Gläubigen nach Wagners Gutdünken die Kommunion verweigert. Ein Bischof der strafenden, unbarmherzigen, mittelalterlichen Kirche also, keiner der helfenden, verzeihenden, im modernen Leben stehenden, einer, der mit sichtlicher Wonne in die Fußstapfen des schwer kranken Kurt Krenn tritt. Gut für Atheisten und uns Journalisten, schlecht für Gläubige und die gesamte Kirche, in der immer weniger Priester wirken (wollen).
Welch dramatische Formen der Priestermangel angenommen hat, dokumentiert eine jüngst gebildete Initiative besorgter Gläubiger, welche ganz nach Vorbild anderer, auch katholischer Religionsgemeinschaften ein Ende des Pflichtzölibats fordert. Für sie treten Liberale wie Erhard Busek und Konservative wie Andreas Khol ein. Der neue Linzer Weihbischof wird ihnen keine Hostie reichen. Ihr Glauben wird das aushalten.
