NEWS-Redakteur Heinz Sichrovsky zum 90. Geburtstag der Sopranistin Lisa della Casa

Wer nicht den Stehplatz der Wiener Staatsoper als aktives Mitglied frequentiert hat (und zwar vor der Zeit der vergünstigten Restkartenkontingente), der weiß nicht ganz, was Opernnarren sind: eine in Detailfragen (meinerzeit etwa Cappuccilli vs. Waechter) todverfeindete, in der Sache aber verschworene Clique zwischen elf und neunzig. Selbst im Zustand fortgeschrittener Invalidität hätte unsereiner damals keinen Sitz in Anspruch genommen. Meine bis heute mangelhafte Sozialisation wurde dort ebenso vollzogen wie erste erotische Anbahnungen und deren bescheidene Finalisierungen. Weshalb diese grenzsentimentalen Einlassungen? Weil ich in Verehrung einer (wahren) Dame zu danken habe, die an meiner Alphabetisierung in Fragen der Kunst mindestens solchen Anteil hat wie diverse literatur- und musikwissenschaftliche Institute: Die Sopranistin Lisa della Casa, die am Montag in Schönheit und Klarheit den 90. Geburtstag beging, hat mir während meiner Stehplatzjahre die Maßstäbe ins Herz gepflanzt. Sie hatte als Erscheinung, als Stimme und als Inhaberin einer fast körperlos vollkommenen gesanglichen Linie etwas unirdisch Schönes. Ihr danke ich das Gespür für die Art Wahrhaftigkeit, die aus gelebter (und nicht arrogierter) Vornehmheit kommt. Mozart und Richard Strauss hat ihr niemand nachgesungen. Ich lege ihr einen Arm voll silberner Rosen zu Füßen.
