Sonntag, 18. Jänner 2009

Vor 90 Jahren wurde Europa neu geordnet: Pariser Friedenskonferenz feiert Jubiläum

  • Am 18. Jänner 1919 begannen die Verhandlungen
  • Verträge brachten aber keinen dauerhaften Frieden

Vor 90 Jahren, am 18. Jänner 1919, wurde in Paris in Anwesenheit von Vertretern von 27 Staaten, die im Zuge des Ersten Weltkrieges dem Deutschen Reich und zum Großteil auch Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich den Krieg erklärt hatten, die Friedenskonferenz eröffnet, bei der die Friedensverträge für die anfangs in Paris nicht vertretenen besiegten Mittelmächte ausgearbeitet werden sollten. Insgesamt 1037 bevollmächtigte Vertreter der alliierten und assoziierten Mächte waren in die französische Hauptstadt gekommen, ihnen standen eine hohe Anzahl von Sachverständigen, Beamten und Hilfspersonal zur Seite.

Da die Friedensverträge nicht an einem Ort allein ausgearbeitet werden konnten, bot man dafür Schlösser in den Pariser Vororten auf: Versailles (für das Deutsche Reich), St. Germain (für Österreich), Trianon (für Ungarn). Der Friedensvertrag für Bulgarien wurde in Neuilly, jener für das Türkische Reich in Sevres ausgearbeitet.

Vorgespräche der die Konferenz beherrschenden "Großen Vier" (US-Präsident Thomas Woodrow Wilson, der aber erst am 2. Februar nach Paris kam, Großbritanniens Premierminister Lloyd George, Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau und Italiens Ministerpräsident Vittorio Orlando) hatten schon in der Zeit von 12. bis 17. Jänner stattgefunden. Bis zur Überreichung der Friedensbedingungen an die deutschen Vertreter am 7. Mai 1919 sprach man von einer "Interalliierten Konferenz zur Vorbereitung der Friedensverhandlungen", ab dann war es eine "Interalliierte Konferenz parallel zu den einzelnen Friedensverhandlungen mit den ehemaligen Mittelmächten".

Neuordnung Europas
Zum Unterschied vom Wiener Kongress 1814/15 hatte sich die Pariser Friedenskonferenz nicht mit der Wiederherstellung der alten Ordnung zu beschäftigen, sondern mit einer durch den Zusammenbruch der Mittelmächte entstandenen Neuordnung der europäischen Staatenwelt, die es in friedliche Bahnen zu lenken galt. Nach Angaben eines französischen Delegationsmitgliedes hielten zwischen 18. Jänner und 28. Juni 1919, dem Tag der Unterzeichnung des Versailler Vertrages mit dem Deutschen Reich, 58 Kommissionen 1646 Sitzungen ab, ergänzt durch zahlreiche Untersuchungen an Ort und Stelle. Das Hauptberatungsgremium, der Rat der Zehn (Regierungschefs und Außenminister der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Japans) trat 72 Mal, der Rat der Außenminister 39 Mal, der Rat der Großen Vier 145 Mal zusammen. Die Vollversammlung der alliierten und assoziierten Mächte hielt acht formelle Sitzungen ab.

Parallel zu den Arbeiten an den Friedensplänen liefen auch die Arbeiten am Entwurf der Satzung des geplanten "Völkerbundes zur Erhaltung des Weltfriedens und zur Sicherung der territorialen und politischen Unabhängigkeit der Staaten", eines Lieblingsprojektes von US-Präsident Wilson (der letzte seiner "14 Punkte" vom 8. Jänner 1918). Am 28. April wurde die aus 26 Artikeln bestehende Satzung des Völkerbundes durch die Vollversammlung der Friedenskonferenz angenommen, zwei Monate später, am 28. Juni wurde diese Satzung durch die Gründerstaaten unterzeichnet. Die Völkerbund-Satzung wurde in die Friedensverträge mit den ehemaligen Mittelmächten aufgenommen. Erst im Jänner 1920 nahm der Völkerbund in Genf seine Tätigkeit auf, das erste Zusammentreten der Völkerbundversammlung erfolgte im November 1920. Im selben Jahr war die Republik Österreich in den Völkerbund aufgenommen worden.

Wilson hatte in idealistischer Verblendung in seinen 14 Punkten die Selbstbestimmung der Völker als Grundlage für den Frieden nach dem Ersten Weltkrieg verkündet. Doch sollten genau damit lebensfähige Staaten Mittel- und Osteuropas zerschlagen werden. Er wusste viel zu wenig von den Realitäten in Europa, besonders in Mitteleuropa, erst während der Pariser Konferenz gingen ihm die Augen auf.

Idealismus scheiterte
Wilsons Hoffnung, der Völkerbund würde die bei den Friedensverhandlungen geschaffenen neuen Konflikte lösen, wurden durch den US-Senat vereitelt, der eine Ratifizierung der Pariser Verträge verweigerte (die USA schlossen in der Folge eigene Friedensverträge mit den besiegten Staaten ab). Der Senat verweigerte auch einen Beitritt der USA zum Völkerbund mit dem Argument, dass diese Weltorganisation keine Grundlage für eine dauerhafte Friedensordnung sei.

Die Siegermächte setzten sich besonders bei deutschsprachigen Gebieten über das Selbstbestimmungsrecht hinweg und ignorierten auch die Tatsache, dass die Länder, gegen die sie Krieg geführt hatten, nach Kriegsende zu Demokratien geworden waren. Für die vom Selbstbestimmungsrecht ausgeschlossenen Völker bastelte man zwar an einem System zum Minderheitenschutz, das aber den Realitäten nicht gerecht wurde. Länder, die durch die Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes frei wurden, wurden zu Unterdrückern jener, denen dieses Recht verweigert wurde.

Wilsons Stellung in Paris war stark und schwach zugleich: die kriegserschöpften Alliierten brauchten US-Geld zum Wiederaufbau ihrer Länder und Volkswirtschaften. Ihm kam eine Weltschiedsrichterrolle zu, da alle Staaten seine 14 Punkte als Grundlage für Friedensverhandlungen anerkannt hatten. Wilsons Schwäche war, dass er Marschall Ferdinand Foch (zuletzt Generalissimus aller alliierten Truppen) beim Abschluss der Waffenstillstandsverhandlungen freie Hand gelassen hatte, wodurch die militärische Macht Frankreichs gesteigert wurde.

Clemenceau dominierte Gespräche
Die Pariser Verhandlungen wurden eindeutig von Clemenceau dominiert. Die Wahl von Paris als Verhandlungsort hatte Clemenceaus Position gestärkt. Der als "Pere de la Victoire" populäre Regierungschef war auch Konferenzorganisator und Hauptgastgeber und konnte Verbündete durch die von ihm praktisch dirigierte französische Presse beeinflussen und unter Druck setzen. Wilson und Lloyd George wollten sich im Zuge der Verhandlungen "chauvinistischer Hysterie" und wogendem Hass in ihren Ländern entgegenstemmen. Lloyd George verfocht auch die traditionelle Politik Londons, auf dem Kontinent ein "Gleichgewicht der Mächte und Kräfte" anzustreben.

Am 28. Juni 1919, dem Tag der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages mit Deutschland, war der Rat der Großen Vier zur Erörterung von Detailfragen zum letzten Mal zusammengetreten, am gleichen Tag reisten Wilson und Lloyd George von Paris ab. Vorher war schon beschlossen worden, den Rat der Zehn zu reaktivieren und zum obersten politischen Entscheidungsgremium der Konferenz zu machen. Mehr denn je dominierte Clemenceau die weiteren Friedensverhandlungen.

System von Verträgen
Das Ergebnis der Pariser Konferenz war ein System von Verträgen - vom Völkerbundstatut über Grenzverträge, Wirtschaftsvereinbarungen bis zu zahlreichen Garantie- und Schutzpakten, zu denen auch die Siegerstaaten verpflichtet wurden. Die Verträge enthielten auch eigene Abschnitte zur Regelung sozialer und arbeitsrechtlicher Fragen, die für Sieger und Besiegte verbindlich sein sollten. Damit wurden erstmals auch soziale Fragen zum Gegenstand von Friedensregelungen erhoben.

Die Verträge brachten keine langfristige Neuordnung Europas wie über hundert Jahre vorher der Wiener Kongress. Europa wurde durch die Pariser Verträge kein Kontinent des Friedens: Großmächte waren zerstört worden und Wirtschaftsgefüge auseinandergebrochen, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen - Keimzellen für alle Konflikte seither, insbesondere des Zweiten Weltkrieges und dessen Folgen. Die Pariser Friedensordnung scheiterte nicht nur am Negieren der neuen Ordnung durch die besiegten Staaten, die sich weigerten, die Alleinschuld für den Ersten Weltkrieg auf sich zu nehmen, und von Anfang an eine Revision der Verträge anstrebten. Sie scheiterte auch an der Sprengwirkung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Verträge.

(apa/red)

18.1.2009 10:53