Tätersuche im Tschetschenen-Mordfall:
Erste Gerüchte über angebliche "Todesliste"
- 27-jähriges Mordopfer wandte sich am den EGMR
- Vater berichtet auf Drohungen von russischer Seite
Offiziell ist an dem Mord an einem 27-jährigen tschetschenischen Flüchtling in Wien noch vieles unklar, Anschuldigungen über mögliche politische Hintergründe verstummen aber nicht: Der Vater des getöteten Umar I. berichtete über Drohungen von russischer Seite gegen seinen Sohn - nach Anzeigen gegen das Regime von Tschetscheniens Präsidenten Ramzan Kadyrow hätte man versucht, ihn zur Rückkehr in die Heimat zu zwingen. Das Innenministerium bestätigte unterdessen, dass in einer Einvernahme eine "Todesliste" mit Namen erwähnt worden sei. Gegen die Personen seien Gewalttaten wie Entführungen oder Mord geplant, erzählte demnach ein russischer Staatsbürger dem Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT).
"Es konnte nie geklärt werden, ob es diese Liste tatsächlich gibt. Wir können es natürlich nicht ausschließen", so Innenministeriumssprecher Rudolf Gollia. "Ein russischer Staatsbürger hat in einer Einvernahme im Frühsommer 2008 ausgesagt, dass es in Tschetschenien eine Liste gibt, auf der ungefähr 300 Personen angeführt sind." 50 davon sollen sich in Österreich befinden, Namen seien nicht bekannt. "Daher konnten nie irgendwelche Maßnahmen zum Schutz von Personen eingeleitet werden", betonte der Sprecher.
Schwere Vorwürfe des Vaters
Schwere Vorwürfe gegen Kadyrow erhob der Vater des Mordopfers, Ali I.: Sein Sohn Umar sei nach einer von ihm eingebrachten Beschwerde beim Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) und einer Anzeige bei der russischen Staatsanwaltschaft ins Schussfeld geraten. Er sei bedroht und aufgefordert worden die Vorwürfe wegen Folter zurückzuziehen. "Ramzan Kadyrow persönlich hat ihm Elektroschocks versetzt und ihn geschlagen", beschuldigt der Vater den Präsidenten in einer "öffentlichen Erklärung".
Die Beschwerde beim Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg hatte Umar I. im November 2006 eingebracht. Dem Verfahrensantrag seien aber keine weiteren Informationen gefolgt, auch ein Rechtsbeistand wurde nicht ernannt - zu einer offiziellen Anklage kam es demnach nie, erklärte eine Gerichtshof-Sprecherin der APA. Entsprechend den Verfahrensregeln wurde der Antrag nach zwei Jahren gelöscht.
Flüchtling während Gefangenschaft gefoltert
Laut seinem Vater wurde der 27-jährige Flüchtling im April 2003 während einer dreimonatigen Gefangenschaft in Kadyrows Stützpunkt gefoltert, zuvor sei er als "junger null-acht-fünfzehn Rebell" festgenommen worden. Man habe seinen Sohn gezwungen, den Sicherheitskräften des jetzigen Staatsoberhauptes beizutreten. Als Mitarbeiter der Leibwache des Präsidenten habe er zahlreiche Verbrechen - "außergerichtliche Hinrichtungen, systematischer Folter, Fälle von 'Verschwindenlassen' von Menschen und illegale Haft" - miterlebt. Im Herbst 2004 sei Umar I. nach Europa geflüchtet und so nach Österreich gelangt.
2007 hätten nach den öffentlichen Anschuldigungen gegen Kadyrow die Probleme begonnen. Zuletzt habe er im Dezember 2008 in der Nähe seiner Wohnung wiederholt einen unbekannten Tschetschenen bemerkt, erklärte Ali I. "Er fühlte sich bedroht, informierte die Polizei und fragte wiederholt um Hilfe." Zuvor habe Russland versucht seinen Sohn per internationalem Haftbefehl wegen Terrorismus, illegaler Bewaffnung und eines angeblichen Mordanschlags auf einen Sicherheitsmann zurückzuholen. Österreich habe dies verweigert. Im Juni 2008 hätte schließlich ein Tschetschene seinen Sohn bedroht. Nach der Flucht seines Sohnes nach Europa seien auch er, seine Frau sowie die Schwägerin von Umar I. festgenommen und gefoltert worden, berichtete Ali I.
Suche nach Mördern bisher ergebnislos
Bei der Suche nach den Mördern des 27-Jährigen gab es bisher noch keine Erfolge. Auch Hinweise auf den Fluchtwagen, einen grünen Volvo, oder den als Helfer verdächtigten Otto Kaltenbrunner seien nicht eingelangt, sagte Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Dem Mann gehört das Fahrzeug, er befindet sich in Haft und bestreitet jeden Zusammenhang mit der Tat. Als gebürtiger Tschetschene hat der 40-Jährige den österreichischen Namen Otto angenommen. Über einen Antrag auf Untersuchungshaft muss noch entschieden werden.
Der Tschetschene Umar I. wurde am Dienstag in Wien-Floridsdorf auf offener Straße erschossen, drei Projektilen steckten in Oberkörper, Arm und Bein. Zwei Männer sollen den Mann verfolgt haben, einer war mit einer länglichen silbergrauen Pistole bewaffnet. Das LVT bittet unter der Telefonnummer 01-31310-74035 um Informationen.
(apa/red)
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