Dienstag, 6. Jänner 2009

Dutzende Tote bei Angriff auf UNO-Schule:
Offensive Israels trifft weitere Unschuldige

  • Scharfe Kritik von Ban Ki-moon: "Völlig inakzeptabel"
    Hamas droht nun mit Heer von Selbstmordattentätern
  • Olmert warnt Hisbollah vor zweiter Front im Norden

Beim bisher folgenschwersten Angriff seit Beginn der elftägigen Militäroffensive Israels im Gaza-Streifen sind nach palästinensischen Angaben mindestens 46 Menschen getötet worden. Wie die Gesundheitsbehörde in Gaza weiter mitteilte, wurden Dutzende weitere Menschen bei dem Luftschlag auf eine UNO-Schule im nördlich gelegenen Flüchtlingslager von Jabaliya verletzt.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon hat die israelischen Angriffe auf Schulen der Vereinten Nationen im Gazastreifen ungewöhnlich scharf kritisiert. Attacken israelischer Militärs auf UN-Einrichtungen, die als Schutz für Flüchtlinge dienten, seien "völlig inakzeptabel" und dürften nicht wieder vorkommen, erklärte der UN-Chef am Dienstag in New York. Israel kenne die Standorte der UN-Einrichtungen und sei nach früheren Zwischenfällen bereits gewarnt worden, dass die Militäraktionen eine Gefahr bedeuteten. "Ich bin tief bestürzt, dass sich trotz dieser wiederholten Bemühungen die heutigen Tragödien ereignet haben", betonte Ban.

Granatenbeschuss aus UNO-Schule?
Nach Darstellung des israelischen Militärs haben Milizionäre der radikal-islamischen Palästinenser-Bewegung Hamas Mörsergranaten aus jener UNO-Schule im Gaza-Streifen heraus abgefeuert, vor der durch israelischen Beschuss mehr als 40 Palästinenser ums Leben kamen. Israelische Soldaten hätten das Feuer der Milizen lediglich erwidert, sagte ein israelischer Militärsprecher in Tel Aviv. "Es ist nicht das erste Mal, dass palästinensische Militante aus einer UNO-Schule heraus geschossen hätten", fügte er hinzu.

Angesichts der Krise im Gaza-Streifen versucht der Weltsicherheitsrat in New York, sich auf eine Reihe völkerrechtlich bindender Forderungen an Israel und die radikal-islamische Palästinenser-Bewegung Hamas zu einigen. Zu der Sitzung hat sich auch US-Außenministerin Condoleezza Rice angekündigt. Israels Premier Ehud Olmert warnte die libanesische Hisbollah-Miliz vor der Eröffnung einer zweiten Front an der Nordgrenze Israels. Die Hamas drohte Israel mit einem Heer von Selbstmordattentätern.

"Hunderte sind bereit, sich in die Luft zu sprengen"
"Es gibt Hunderte von Kämpfern, die bereit sind, sich selbst in die Luft zu sprengen, falls die zionistischen Kräfte in die Vororte von Gaza-Stadt eindringen", hieß es in einer Erklärung des Sprechers der militanten Al-Kassam-Brigaden, Abu Obeida. Einer der Hamas-Kämpfer habe sich bereits unter einem israelischen Panzer in die Luft gesprengt.

Olmert sagte während eines Besuchs im Süden Israels dem Militärrundfunk an die Adresse der schiitischen Hisbollah: "Niemand sollte sich über unsere Entschlossenheit an allen Fronten täuschen." Vor Olmert hatte der Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, Amos Yadlin, davor gewarnt, die Hisbollah könne die Kämpfe im Gaza-Streifen für eigene Angriffe im Norden Israels nutzen.

Flüchtlingsunterkünfte vernichtet
Die Schule in Jabaliya war vom UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) als Flüchtlingsunterkunft genutzt worden. Nach anderen Angaben wurde das Schulgebäude nicht aus der Luft, sondern mir Panzergranaten angegriffen. In der Früh waren bereits fünf Todesopfer bei zwei Angriffen auf Schulen des UNRWA im Flüchtlingslager Shati in der Nähe der Stadt Gaza sowie in Khan Younis im Süden des Gaza-Streifens gemeldet worden. Der Angriff kam den Berichten zufolge, nachdem militante Palästinenser aus einem angrenzenden Gebiet zur Schule auf israelische Truppen mit Mörsergranaten geschossen hatten.

Seit Beginn der israelischen Angriffe im Gaza-Streifen wurden laut palästinensischen Rettungskräften mehr als 635 Palästinenser getötet und mehr als 2.900 weitere verletzt.

Kommen diplomatische Bemühungen in die Gänge?
Währen die Gefechte mit unverminderter Heftigkeit weitergingen, schien in die diplomatischen Bemühungen um die Beilegung der Gewalteskalation erstmals Bewegung zu kommen: Es werde an einer konkreten Lösung gearbeitet, sagte ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter mit Blick auf die Forderung seines Landes, eine Wiederbewaffnung der Hamas müsse verhindert werden. In diesem Zusammenhang werde über einen Einsatz internationaler Kräfte an der Grenze zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten gesprochen.

Tony Blair, Sonderbotschafter des Nahost-Quartetts sieht Möglichkeiten für eine Feuerpause im Nahen Osten, wenn der Waffennachschub für die radikal-islamische Palästinenser-Organisation Hamas unterbrochen werden kann. "Ich glaube, die Ägypter sind im Prinzip bereit, dies zu machen", sagte der britische Ex-Premier Blair in London. (apa/red)

6.1.2009 22:45