Montag, 5. Jänner 2009

Gaza muss in Angst und Schrecken leben:
Durch Einmarsch drohen viele zivile Opfer

  • Gebiet der Palästinenser ist sehr dicht besiedelt
  • Israels mobilisiert volle Truppenstärke für Einsatz

Luftangriffe und Artilleriefeuer haben die zehn Mitglieder von Lubna Karams Familie die ganze Nacht wachgehalten. Die Familie kauert sich im Flur ihres Hauses in Gaza zusammen und hofft, dass die Bomben ihr Haus verschonen werden. Seit Beginn der israelischen Luftangriffe vor gut einer Woche gibt es keinen Strom mehr, inzwischen ist auch kein Gas zum Kochen mehr da. Jetzt gibt es bei Familie Karam kalte Bohnen aus der Dose. "Das ist Kriegsessen", sagt die 28-Jährige. "Was können wir schon anderes tun?"

Die Bodenoffensive der israelischen Streitkräfte setzt die Bürger des Gazastreifens noch größerer Gefahr aus. Bereits in den ersten Stunden der Offensive kamen nach Angaben von Ärzten mindestens 31 Palästinenser ums Leben. Seit dem Einmarsch steigt die Zahl der Opfer unaufhörlich, wobei nach UN-Angaben hohe Verluste auch bei Zivilpersonen zu verzeichnen sind.

Permanente Angst
"Wir hören den Lärm der Flugzeuge und wir wissen nicht, ob wir bis morgen leben werden oder nicht", sagt Karam. Die Familie, darunter drei Kleinkinder, lebe permanent in Angst. Die Fenster des Hauses sind durch die Druckwelle in der Nähe einschlagender Raketen zersprungen. Bomben können nur schwer zwischen Anhängern der Hamas und verängstigten Zivilpersonen unterscheiden. Ziele der israelischen Luftangriffe waren offiziell Einrichtungen der Hamas, doch der Gazastreifen mit seinen rund 1,4 Millionen Einwohnern ist extrem dicht besiedelt. Im Zuge der Bodenoffensive geraten Zivilpersonen nochmals zusätzlich in Gefahr.

Doch Israels Strategie ist es, mit voller Truppenstärke einzumarschieren, um eigene Verluste so gering wie möglich zu halten, wie der israelische Militärkorrespondent Alex Fishman in der Zeitung "Yedioth Ahronoth" schrieb. "Den vorhersehbaren internationalen Preis für Kollateralschäden und zivile Opfer werden wir später zahlen", so Fishman. Die internationale Gemeinschaft fordert längst ein Ende des Blutvergießens. Doch auch für Israel ist die Strategie riskant. Die Regierung will den Raketenbeschuss der Hamas auf Südisrael zum Erliegen bringen, doch je länger man im Gazastreifen bleibt, desto weiter in die Ferne rückt ein Friedensschluss, desto mehr Opfer werden auch die Streitkräfte zu beklagen haben.

Schlaflose Nächte
Anas Mansur lebt mit seiner Familie im Flüchtlingslager Rafah nahe dem Grenzübergang zu Ägypten. Er schlafe seit Beginn der Militäroffensive immer in seinen Kleidern und trage seinen Ausweis in der Brusttasche, falls er überraschend flüchten müsse, sagt der 21-Jährige. Seine Nachbarn haben bereits einen Esel mit ihren wenigen Habseligkeiten beladen und die Flucht ergriffen. Doch Mansur hadert: "Wo sollen wir denn hingehen? Es ist doch überall das Gleiche."

Die Bürger im Gazastreifen sind leidgeprüft. Das Gebiet ist von Israel seit der Machtübernahme der Hamas vor 18 Monaten hermetisch abgeriegelt worden. Es fehlt den Menschen am Nötigsten, eine Flucht ist nicht möglich. Kritiker sprachen daher immer wieder vom größten Gefängnis der Welt. Doch nun schlagen Raketen ein, fallen Bomben, rücken die Soldaten vor. Lebensmittel werden knapp, die Wasser- und Energieversorgung ist zusammengebrochen.

"Während der Blockade haben wir immer von einer 'Katastrophe' gesprochen", sagt Hatem Schurrab aus Gaza. "Aber dann begannen die Luftangriffe und jetzt wissen wir nicht mal mehr, welches Wort wir verwenden sollen." Kein Ausdruck aus dem Wörterbuch könne ihre Situation beschreiben, sagt der 24-Jährige.
(Von Ibrahim Barzak/AP)

5.1.2009 10:33