"Ein Handwerker mit Götterfunken": Welser-
Möst zum Jahresregenten Joseph Haydn
- NEWS: Was blieb 200 Jahre nach seinem Tod
vom kühnsten Erfinder der Musikgeschichte?

Sein 200. Todestag eignet sich nicht annähernd für solche Vermarktungsexzesse, wie man sie dem armen Mozart bei jeder Gelegenheit widerfahren lässt: Joseph Haydn, geboren am 31. März 1732 in Rohrau, Niederösterreich, gestorben am 31. Mai 1809 in Wien, erreicht das Publikum nicht mehr wie einst, da er ein kühner Experimentator, Erfinder des Streichquartetts und der Symphonie im modernen Sinn für den größten Komponisten aller Zeiten gehalten wurde. So feiert man ihn hierzulande vor allem im Burgenland, wo er den größten Teil seines Lebens als Esterházyscher Hofkapellmeister wirkte. Wiens designierter GMD Franz Welser-Möst hat seine Kindheit im Chor des Linzer Musikgymnasiums mit Haydns Werk verbracht. Eine Bewertung.
NEWS: Weshalb erschließt sich Haydn dem heutigen Publikum nicht wie zu seiner Zeit?
Welser-Möst: Er war der Erfinder von viel Neuem, und wenn man das Neue länger kennt und andere es nachgemacht haben, vergisst man leicht den Urheber. Außerdem blieben viele Effekte in seinem Werk tatsächlich an ihre Zeit gebunden. Das ist genau umgekehrt wie bei Bach, der zu Lebzeiten schon als veraltet galt und dessen Zeitlosigkeit erst später erkannt wurde.
NEWS: Heißt das, er hatte den letzten genialen Funken nicht?
Welser-Möst: So kann man das nicht sehen. Auch er hat seine Achttausender, die Stücke, in denen der göttliche Funke sprüht. Aber vieles ist Handwerk, wenn auch sehr gehobenes. Das gilt zum Beispiel für die Opern. Damals sagte man, man müsse nach Esterházy fahren, um eine gescheite Oper zu hören. Heute wissen wir, dass sie nicht an den Kern des Wesentlich-Menschlichen rühren wie eine Così oder Zauberflöte.
NEWS: Sind Mozart und Beethoven die bedeutenderen Komponisten?
Welser-Möst: Der Meilenstein Mozart oder der Meilenstein Beethoven ist möglicherweise einen Zentimeter größer.
NEWS:Welche sind nun Haydns Achttausender?
Welser-Möst: Die Schöpfung können Sie ebenso wenig umbringen wie die beiden Cellokonzerte, besonders das in C-Dur. Dazu kommen die Sonnen-Quartette, ein weiteres Streichquartett, Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze, und einzelne Symphonien, vor allem Nr. 93 in D-Dur. Und besonders die letzten sechs Messen. Ich bin ja im Chor mit Kirchenmusik großgeworden. Die Haydn-Messen waren prägend für mich. Eines seiner größten Stücke überhaupt ist die Nelson-Messe. Seine letzte, die Harmonie-Messe, ist von höchster Inspiration und trägt die Form in geistige, emotionale Dimensionen, die Mozart erst im Requiem geschafft hat, die ich aber bei vielen frühen Mozart-Messen vermisse. Hier war Haydn der Größere. Der Zugang zur Religiosität ist bei ihm ein ganz direkter, schon weil hier nicht die technischen Schwierigkeiten etwa einer Schubert-Messe aufgeworfen werden. Er hat da ganz naive Musik geschaffen, zu der man auch einen ganz naiven Zugang finden kann. Diese Art Kinderglauben, die er mit all seinem Handwerk und all seiner Genialität ausdrückt, kommt sehr unmittelbar herüber.
NEWS: Wie kann denn ein Mensch, dessen Werk voll von Experimenten und zynischen Scherzen steckt, solche Naivität aufbringen?
Welser-Möst: Bei ihm gibt es eben das alles. Die Jahreszeiten zum Beispiel sind im Gegensatz zur Schöpfung wegen ihrer fast schon Wagnerschen Ausmaße anstrengend. Aber was Humor, Zynismus, Ironie betrifft: Da ist alles da drinnen.
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