Mittwoch, 17. Dezember 2008

"Ich war ganz naiv": Star-Tenor Villazón
im ganz persönlichen NEWS-Interview

  • Spircht über sein schwerstes Jahr und die Rückkehr
  • PLUS: Seine neue CD und Plände mit Anna Netrebko

Das Schreckensjahr, in dem mancher nicht mehr viel auf den mexikanischen Tenor Rolando Villazón, 36, gegeben hat, war 2007. Sein bestes aber war 2008, das Jahr der Rückkehr nach fünf Monaten Zwangspause, zu der ihn eine Krise der Stimme und des Sinns gezwungen hatte. Im Jänner sang er an der Wiener Staatsoper Massenets Selbstverwüster "Werther" und wurde mit unermesslichem Jubel willkommen geheißen. Bei den Salzburger Festspielen 2008 war er Gounods Romeo. Die Existenz als Hälfte eines von Marketingexperten erfundenen und von Käseblättern ausgetrommelten Traumpaars erledigte sich von selbst, denn Anna Netrebko, die andere Hälfte, war schwanger. Am 18. und 22. Dezember singt Villazón an der Staatsoper zwei "Bohème"-Vorstellungen (Robert Dornhelms Film, eine Art Hommage an die künstlerisch bewegende Konstellation Netrebko/Villazón, läuft noch). Im Februar erscheint eine antiglamouröse CD mit Händel-Arien.

NEWS: Ein Blick zurück auf das Jahr, in dem Sie zurückkehrten. Wie geht es Ihnen?
Villazón: Es war ein sehr wichtiges Jahr für mich, und ich war glücklich, dass ich es in Wien beginnen konnte. Kein anderes Publikum hätte mir solche Gefühle entgegengebracht und so einen freundlichen Empfang bereitet. Ich bin froh, dass ich dieses Jahr in Wien mit der „Bohème“ beenden kann. Die musste ich ja voriges Jahr hier absagen. Ich fühle mich sehr gut. Jetzt gerade habe ich ein paar sehr gute „Hoffmann“-Aufführungen in London gesungen.

NEWS: Was waren Ihre schlimmsten und Ihre schönsten Momente?
Villazón: Auch die schlimmen Momente waren toll. Denn man lernt von jeder Erfahrung. Sehr wichtig waren der „Romeo“ in Salzburg für mich, und ein Konzert, das ich mit Daniel Barenboim in Berlin gegeben habe.

NEWS: Haben Sie noch manchmal Angst, dass Sie Ihre Stimme verlieren könnten?
Villazón: Ganz ehrlich, für mich ist Kunst entscheidend, da geht es um mehr als nur die Stimme allein. Ich habe aber meine Grenzen kennen gelernt, und das ist nicht nur eine organische Angelegenheit. Natürlich weiß ich jetzt, dass meine Stimme verschwinden kann. Aber eben daran denke ich nicht, wenn ich auf die Bühne gehe. Ich habe in der letzten Zeit viel über die Bedeutung von Kunst nachgedacht. Ich habe Adorno, Tolstoi und viel anderes gelesen. Ich erforsche mich dauernd, als Mensch und als Künstler. Aber ich bin sehr glücklich. Und ich fühle mich privilegiert. Ich nehme nichts als selbstverständlich an.

NEWS: Haben Sie sich verändert?
Villazón: Ein Sänger geht durch verschiedene Stadien. Möglicherweise verlasse ich gerade das des heranwachsenden Sängers. Man glaubt am Beginn einer Karriere, dass man die ganze Welt verschlingen kann. Das ist keine Arroganz, das ist Unschuld. Bei mir zumindest war das so. Ich habe in meiner Kindheit keine Opern gehört. Alles war neu für mich. Ich wusste nicht, wie schwer das sein würde. Ich sang mit einer unglaublichen Naivität. Wenn ich meine Aufnahmen von früher und von heute vergleiche, erkenne ich, wie viele bewusste Entscheidungen ich jetzt treffe und wie viele Farben ich meiner Stimme hinzugefügt habe. Wenn man sein Instrument kennt und streng zu sich ist, macht einen das sehr glücklich. Am Beginn ist alles wie im Märchen. Man gibt Debüts in Häusern, von denen man geträumt hat. Man trifft große Dirigenten und sieht die Verträge kommen. Man reagiert nur. Man will alles machen und gibt dafür alles. Und dann kam bei mir der Moment der Verwandlung. Diese Verwandlung fand bei mir mental statt. In Zukunft will ich agieren, nicht nur reagieren. Ich treffe jetzt klare Entscheidungen für mich. Dieses Jahr war eine Zeit der Veränderungen. Ich habe viele Ideen für meine Zukunft entwickelt. Ich möchte zum Beispiel mehr Zeit Liederabenden widmen.

NEWS: Bei den Salzburger Festspielen 2009 geben Sie ein Konzert mit Händel-Arien. Ändern Sie denn Ihr Repertoire und singen weniger Opern?
Villazón: Ich werde weiter in „Manons“, „Werthers“, und „Bohèmes“ singen. Händel kommt nur dazu. Auch meine nächste CD ist Händel gewidmet. Ich nahm sie im vergangenen Frühjahr auf und bin sehr glücklich über das Ergebnis. Man muss mit dieser Musik ganz verschmelzen. Ich würde gerne auch eine Händel-Oper machen. Und ich möchte meine Liederabende intensiv mit einem Pianisten erarbeiten. Dabei möchte ich mich nicht nur auf die Sprache und auf den Stil konzentrieren. Ich möchte das Feuer vermitteln, das die Komponisten solche Meisterwerke erschaffen ließ, vor denen die Leute vor Freude und Glück erzittern.

NEWS: Was sagen Sie dazu, dass Jürgen Flimm 2011 in Salzburg abtritt?
Villazón: Ich kümmere mich nicht um Personalpolitik im Opernbetrieb. Ich will auch kein Opernhaus übernehmen. Aber ich habe meine Ansichten zum System. Damit spreche ich nicht über ein bestimmtes Opernhaus, sondern über das System an sich. Es ist absurd, dass man seine Engagements mindestens fünf Jahre im voraus buchen muss. Vom künstlerischen Standpunkt her ist das eine Katastrophe. Das zerstört den Enthusiasmus. Wenn man ein Projekt vorschlägt, muss man oft vier Jahre bis zur Realisierung warten. Aber niemand kann wissen, wie sich die Stimme in drei Jahren entwickelt. Zwei Jahre Vorausplanung wären gut. Beim Theater plant man manchmal nur sechs Monate voraus. Das ist künstlerisch sinnvoll. Wir sollten alle umdenken. Warum sprechen denn so viele Sänger vom Aufhören? Ich sage es Ihnen: weil alles zu viel ist. Die Anzahl der Produktionen wurde von den Theatern verdoppelt. In der Oper sollte man auch gründlich die Nutzung der Probenzeiten überdenken. Wenn sich Sänger über den Probenaufwand beschweren, dann gelten sie als Diven oder als faul. Das stimmt nicht. Sänger sind Schwerarbeiter. Aber die Proben werden nach dem Regisseur ausgerichtet und nicht nach den Sängern. Man probt wochenlang das Darstellerische auf der Bühne. Und dann kommt der Dirigent zur Bühnenorchesterprobe und stellt alles um. Nur wenige Dirigenten wie Barenboim oder Pappano sind vom ersten Tag an dabei.

NEWS: Fühlen Sie sich vom Betrieb ausgenützt?
Villazón: Ich bin ein Teil des Betriebs, und wir alle, jeder in diesem Betrieb wird dazu angehalten, möglichst viel zu „verkaufen“: seien es Karten für Konzerte und Vorstellungen, CDs oder auch das Image. Das ist ein Merkmal unserer modernen Gesellschaft, und es hat auch auf den Opernbetrieb übergegriffen. Manche von uns arbeiten sehr hart dafür, Anerkennung zu bekommen. Wir können aber das Feuer nicht durch große Werbekampagnen am Leben erhalten. Das sage ich auch als Selbstkritik. Das Schlimmste, was der Kunst passieren kann, ist, wenn die Verpackung wichtiger wird als der künstlerische Inhalt.

NEWS: Wird es auch wieder Aufführungen des Duos Netrebko/Villazón geben?
Villazón: Wir treten an der Met gemeinsam in der „Lucia“ auf. Wir haben Pläne für die Zukunft, die „Manon“ in London und an der Met. Auch in Paris werden wir gemeinsam etwas machen. Wir haben einiges vor. Ich bin sehr glücklich darüber.

Das ganze Interview lesen Sie im aktuellen NEWS 51/08!

17.12.2008 14:11

Kino

Men in Black 3

Komödie, Science Fiction - USA, 2012

Regie: Barry Sonnenfeld

Mit: Will Smith, Josh Brolin, Tommy Lee Jones, Alice Eve, Emma Thompson

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