NEWS-Redakteur Walter Pohl.
Pohl-Position: Mariä Verdrängnis.

Mariä Verdrängnis. 41 Zeilen über einen Feiertag, der eigentlich
kein Feiertag war.
Zu den wenigen unangenehmen Seiten des Journalismus zählt die Nötigung, dass man an manchen Sonn- und Feiertagen, die von der Kirche, dem
Staat oder sonst wem für das süße Nichtstun vorgesehen sind, arbeiten muss. Ein Musterbeispiel dafür ist der 8. Dezember, ein Tag, der eigentlich mittlerweile Mariä Verdrängnis heißen sollte. Also: Man fährt morgens um neun mit dem Auto in die Redaktion. Vorbei an der Boutique für gepflegte Damen, wo der Mann der Chefin am Gehsteig davor einen Maroni-Ofen aufbaut. Kundinnen anbraten, sozusagen. Auch der Anker hat geöffnet. Drinnen steht eine genervte Feiertagskraft, die auf die Bestellung Eine Melange zum Mitnehmen imaginär antwortet: Ich bin eine arme Sau. In Wirklichkeit würde ich jetzt viel lieber bei meinen Kindern oder meinem Mann oder sonst wem sein und nicht hier hinter der Theke stehen. Unweigerlich beginnt einen das Schuldbewusstsein zu Drücken. An diesem Feiertag, der kein Feiertag ist.
Dann der Trafikant beim NEWS-Mediatower: Dealer und Freund der Medien sozusagen. Aber auch er sieht aus, als würde er diesen Tag vielleicht eine Spur lieber mit seinem Enkelkind verbringen. Letztlich die Redaktionskonferenz von NEWS: 20 Minuten Diskussion darüber, ob Alexander Wrabetz die nächsten Wochen oder Monate als Generaldirektor des ORF übersteht. Und wer ihm nachfolgen könnte. Dann die Tagesproduktion. Irgendein Geräusch geht ab, das sonst ständig da ist. Exakt: Das subkutane Brummen der Klimaanlage fehlt. Wenigstens einer, der nicht arbeiten muss.
Der Portier am Empfang wundert sich über den regen Journalistenverkehr im Haus. Trotz Feiertags.
So! Und jetzt ist Schluss mit diesen Luxustroubles. Denn die wirklichen Helden des 8. Dezember waren andere: NotärztInnen, FeuerbekämpferInnen, PolizistInnen, KrankenpflegerInnen, StraßenkehrerInnen, StreetworkerInnen, AltenbetreuerInnen, SicherheitsdienstlerInnen, FluglotsInnen. Und nicht wir JournalistInnen. Und außerdem auch alle Frauen und Männer, deren Männer und Frauen in solchen Berufen arbeiten müssen.
