Format-Chefredakteur Peter Pelinka über den abgetretenen Kanzler, ...
- ...der sich auch selbst unter seinem
- eigentlichen Wert schlug.

Alfred Gusenbauer wollte eine ,Zivilisierung des Kapitalismus heute in Zeiten der Finanzkrise ein Allgemeingut.
Ganz am Ende seiner Amtszeit kam seine ursprüngliche Haltung wieder durch: Als Armin Wolf Alfred Gusenbauer in der ZiB 2 auf die Einschätzung ansprach, seine soziale Intelligenz habe mit seiner sonstigen nicht ganz Schritt gehalten (Wolf fragte unverblümter unter Bezugnahme auf den langjährigen Kanzlersprecher Josef Kalina: Wie kann ein so gescheiter Mensch wie Sie gleichzeitig so ungeschickt im Umgang mit anderen Menschen sein? Haben Sie eine Antwort darauf?), zeigte sich der nunmehrige Exkanzler völlig uneinsichtig: Ich lehne diese Art der Kritik völlig ab. Okay, es ist nicht jedermanns Sache, öffentlich Selbstkritik zu üben, aber ein wenig geschickter (vor allem sympathischer) wäre es wohl gewesen, hätte Gusenbauer sanft gelächelt und zumindest den üblichen Stehsatz vor den Hinweis auf seine populären Touren durch die Lande geschoben: Kein Mensch ist fehlerlos, auch ich nicht. Aber
Das hat er nicht getan, wohl stolz darauf, endlich wieder ohne Takt(ik) sagen zu können, was er als Sache empfindet.
Noch deutlicher tags darauf seine ausgesprochen harsche Schelte für den Interviewer im Ö1-Morgenjournal: Diese Frage ist falsch gestellt! Wieder: Ohne Charme (den Gusenbauer bei anderen Gelegenheiten durchaus zeigen konnte, auch am Ende des Gesprächs mit Wolf), ohne Selbstreflexion (zu der er auf der intellektuellen Ebene durchaus fähig ist, nicht aber auf der psychischen), doch voller Frust (den er danach bis zur Ablöse nicht mehr zeigte, zumindest nicht öffentlich). Das waren authentische Auftritte aber zu viel Authentizität kann auch schaden.
Natürlich ist Gusenbauer nicht nur an seinem persönlichen Wesen gescheitert, nicht einmal vorrangig. Tatsächlich war er vorbelastet durch schwer einlösbare Wahlversprechen, die ihm 2006 den Sieg gebracht, ihn danach aber einen Teil seiner Glaubwürdigkeit gekostet haben. Und natürlich haben ihn noch mehr die Blockaden seines Koalitionspartners beschädigt, der ihm partout keinen Erfolg gönnen wollte. Seine ideologischen Wendungen waren es jedenfalls nicht, an denen er scheiterte, die kamen zwar teilweise höchst überraschend (Nulldefizit in die Verfassung), waren diskussionswürdig (Ausbau der Direktwahl auf allen Ebenen), aber meist ausbaufähig (solidarische Hochleistungsgesellschaft, vor allem durch einen Schwerpunkt in der Bildungspolitik). Er verfolgte ein längerfristiges Konzept: die Verbindung von traditionell sozialdemokratischem und liberalem Gedankengut zwecks Zivilisierung des Kapitalismus. Kein Zufall, dass er wieder zu besserer Form auflief, als diese Parole in Zeiten der weltweiten Finanz- und Bankenkrise zum Allgemeingut wurde, anerkannt von links bis rechts. Da wirkte er trotz beschlossener Ablöse professionell und diszipliniert, nicht eitel und beleidigt.
Wie überhaupt Gusenbauer weiter eine außenpolitische Größe darstellt, so wie übrigens auch Ursula Plassnik. Österreich hat nicht viele solcher international interessierter, erfahrener, belesener Persönlichkeiten aufzuweisen. Es sollte sie weiter nutzen. Im Falle Gusenbauer etwa durch die Nominierung zum nächsten EU-Kommissar, der aus Österreich kommt.
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