Donnerstag, 11. Dezember 2008

Mit Tränengas gegen Demonstranten: Weitere Ausschreitungen in Griechenland

  • Wurde der 15-Jährige durch Querschläger getötet?
  • BILDER: Zerstörte Schaufenster und Autos in Brand
    PLUS: CNN-Videos zeigen überforderte Exekutive

In der griechischen Hauptstadt Athen ist es in der Früh den sechsten Tag in Folge zu Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen. Im Stadtviertel Exarchia warfen mehrere Dutzend junger Menschen Steine auf Ordnungskräfte, wie die Polizei mitteilte. Die Beamten gingen demnach mit Tränengas gegen die Demonstranten vor. Drei Menschen wurden festgenommen.

In Exarchia befindet sich auch die Polytechnische Universität. Diese sowie 15 weitere Hochschuleinrichtungen und rund hundert Schulen in Athen und Thessaloniki sind nach Angaben der Polizei seit Beginn der Woche von Schülern und Studierenden besetzt. In Thessaloniki im Norden des Landes kam es zudem zu Plünderungen in den Bildungseinrichtungen, wie Professoren und Lehrer berichteten. Nach griechischem Recht darf die Polizei innerhalb der Schul- und Universitätsgebäude nicht aktiv werden.

Vier Tage nach dem Tod eines 15-Jährigen durch eine Polizeikugel ordnete ein Untersuchungsrichter am Mittwochabend nach mehrstündigen Beratungen mit der Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft gegen den Polizisten an, der den tödlichen Schuss abgegeben hatte.

Querschläger
Nach Angaben des Rechtsanwalts des Mannes entlastet die ballistische Untersuchung der tödlichen Kugel seinen Klienten. Auch aus Justizkreisen verlautete, dass es sich bei der tödlichen Kugel um einen Querschläger gehandelt habe. Sie sei nämlich "ein bisschen verformt", was darauf hinweist, dass sie "auf einen harten Untergrund prallte", bevor sie in die Brust des Opfers schlug. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür zunächst nicht. Der Tod des Jugendlichen hatte die schwersten Krawalle seit Jahrzehnten in Griechenland ausgelöst.

Der 37-jährige Polizist hatte mehrmals beteuert, lediglich drei Warnschüsse abgefeuert zu haben; das Opfer sei von einem Querschläger getroffen worden. Er hofft nun, nicht wegen Totschlags oder gar Mordes belangt zu werden. Einem 31-jährigen Polizei-Kollegen wird Beihilfe zum Totschlag vorgeworfen. Auch er bleibt in Untersuchungshaft.

Aufruf der Kirche
Das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche des Landes, Erzbischof Ieronymos II., rief am Abend alle Griechen zur Eintracht auf. Zur Überwindung der Krise müssten alle - Kirche, Politiker, Gewerkschaften und Bürger - zusammenarbeiten, sagte der Erzbischof.

Während im Zentrum Athens am Mittwoch die meisten zerstörten Geschäfte noch mit Wellblech provisorisch gesichert waren, versuchten andere Geschäftsbesitzer, ihre Schaufenster bereits wieder herzurichten. Der griechische Regierungschef Kostas Karamanlis versprach den Geschädigten günstige Kredite und eine Soforthilfe von 10.000 Euro für jedes Geschäft, das zerstört wurde.

Schaden überschätzt
Das Ausmaß der Schäden ist offensichtlich jedoch geringer als zunächst angenommen. Nach Angaben des Verbandes der Geschäftsleute in Athen wurden bei den Krawallen insgesamt 435 Geschäfte und andere Gebäude in der griechischen Hauptstadt beschädigt. Der Sachschaden wird auf etwa 50 Millionen Euro geschätzt. Über die Zerstörungen in anderen Städten lagen noch keine Angaben vor. Der Gesamtschaden war zunächst auf bis zu eine Milliarde Euro geschätzt worden.

Auch in Madrid, Barcelona und Kopenhagen kam es am Mittwoch zu Sympathie-Kundgebungen für die griechische Protestbewegung. In der spanischen Hauptstadt griffen Demonstranten dabei ein Polizeirevier an. Mehrere Polizisten wurden nach Behördenangaben verletzt, neun Randalierer festgenommen. In Barcelona wurde eine Demonstration aufgelöst, nachdem Steine gegen Geschäftsstellen von Banken geworfen wurden. In der dänischen Hauptstadt wurden 25 junge Leute, die sich an einer nicht genehmigten Sympathiekundgebung beteiligt hatten, festgenommen.
(apa/red)

11.12.2008 08:39