Freitag, 5. Dezember 2008

Russisch-Orthodoxer Patriarch verstorben:
Alexi II. war Haupt von 150 Mio. Gläubigen

  • Kirchenoberhaupt verstarb im Alter von 79 Jahren
  • Alexi II. suchte Balanceakt zwischen Strömungen

Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Alexi II., ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Der Moskauer Patriarch erlag ersten Angaben zufolge in einer Münchner Klinik einem Herzleiden, berichtete die Kathpress. Der Patriarch wollte vom 20. bis 23. Dezember Wien einen Besuch abstatten, wo er die neu renovierte russisch-orthodoxe Nikolauskathedrale in Wien-Landstraße weihen und Bundespräsident Heinz Fischer treffen sollte.

Alexi II. stand seit 1990 an der Spitze der zahlenmäßig größten orthodoxen Kirche und hat ihren Wiederaufbau und ihre Erneuerung nach sieben Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft eingeleitet. Innerkirchlich suchte Alexi dabei eine Balance zwischen reformorientierten Kräften und Strömungen, die stark konservativ, antiökumenisch und teilweise auch nationalistisch orientiert sind. Bereits seit mehreren Jahren hatte Alexi gesundheitliche Probleme.

Die Neuordnung des Verhältnisses zu Staat und Gesellschaft gestaltete sich für Patriarch Alexi angesichts der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den 90er Jahren zunächst schwierig. In den letzten Jahren, besonders nach dem Amtsantritt von Präsident Wladmir Putin als Staatspräsident, haben sich diese Beziehungen aber konsolidiert und deutlich verbessert.

Gespanntes Verhältnis zur katholischen Kirche
Gespannt blieb dagegen bis das Verhältnis zur katholischen Kirche, auch wenn es in jüngster Zeit Annäherungen gab. Alexi verteidigte den Anspruch der russischen Orthodoxie auf ihr traditionelles "kanonisches Territorium" und hielt den Katholiken vor, in Russland zu missionieren und orthodoxe Gläubige abzuwerben. Ein Treffen mit Johannes Paul II. und auch mit Papst Benedikt XVI. kam bis zuletzt nicht zustande.

Alexi Michailowitsch Ridiger (Rüdiger) - Sproß einer baltischen Adelsfamilie - wurde am 23. Februar 1929 in der estnischen Hauptstadt Tallinn (Rewal) geboren. Nach seiner Ausbildung am Priesterseminar in St. Petersburg empfing er 1950 die Priesterweihe. Von 1961 bis 1986 war er Metropolit von Tallinn und Estland. Anschließend wurde er Metropolit von St. Petersburg und Nowgorod. Am 7. Juni 1990 wählte ihn ein Landeskonzil aus sechs Kandidaten mit 166 von 317 Stimmen zum Nachfolger des verstorbenen Patriarchen Pimen und damit zum 15. Patriarchen von Moskau. Die Wahl dürfte seit langem die erste ohne staatliche Einmischung gewesen sein. In der Epiphanie-Kathedrale in Moskau wurde Alexi am 10. Juni 1990 in sein Amt als Patriarch eingeführt.

Als Metropolit galt Alexi zunächst als politisch unauffällig; im Geheimbericht über die orthodoxe Kirche, den Wasilij Furow vom Rat für die religiösen Angelegenheiten 1975 für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei erstellte, ordnete er Alexi in die Reihe jener Oberhirten ein, die "keine besondere Aktivität zur Ausweitung der Orthodoxie an den Tag legen". Der Metropolit änderte jedoch seine Haltung. Er war der erste hohe orthodoxe Amtsträger, der im September 1987 öffentlich Kritik an den Staat-Kirche-Beziehungen übte und gleiche Rechte für gläubige wie nichtgläubige Bürger forderte.
(apa/red)

5.12.2008 11:04