Freitag, 5. Dezember 2008

Nicht alle Mumbai-Attentäter gefasst: Laut US-Experten konnten einige entkommen

  • War pakistanische Armee an Anschlägen beteiligt?
  • PLUS: Mehrere Tote bei Zwischenfall in Neu Dehli?

Sechs Tage nach Ende der heftigen Kämpfe gegen die Attentäter von Mumbai hat die indische Regierung Pannen bei ihren Sicherheitsdiensten eingeräumt. Gleichzeitig gab es neue, unbestätigte Berichte auf eine Verwicklung Pakistans in die Anschlagserie, bei der mindestens 171 Menschen getötet wurden.

"Sicherheitskräfte und Geheimdienste haben versagt", sagte der neue indische Innenminister Palaniappan Chidambaram am Freitag. "Was in Bombay geschehen ist, muss unsere Einstellung zum Terrorismus grundlegend verändern." Untersuchungen liefen, um die Mängel abzustellen. Die Anschläge in der Finanzmetropole haben bereits zu personellen Konsequenzen geführt. Nach scharfer Kritik am Krisenmanagement traten am Sonntag der bisherige Innenminister und der Nationale Sicherheitsberater zurück.

Fehlalarm
In der Nacht auf Freitag sorgte ein Fehlalarm auf dem internationalen Flughafen von Neu-Delhi für Aufregung. Berichte von Passagieren über angebliche Schüsse im Flughafengebäude entpuppten sich erst nach längeren Überprüfungen als falsch, wie die örtlichen Medien meldeten. Die ohnehin scharfen Sicherheitsmaßnahmen wurden weiter verstärkt, das Gebäude wurde gründlich durchsucht.

Indische Zeitungen berichteten über angebliche Beweise für eine Beteiligung der pakistanischen Armee an den Anschlägen. Diese lägen der Regierung vor und kämen teilweise vom US-Bundeskriminalamt FBI. In der "Times of India" hieß es unter Berufung auf indische Geheimdienstkreise, die Beteiligung des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI sei erwiesen. Die Ausbildner der Attentäter gehörten dem ISI an.

Schulung in Pakistan
Der einzige festgenommene Attentäter bestätigte, in den vergangenen eineinhalb Jahren an vier Schulungen in Ausbildungslagern in Pakistan teilgenommen zu haben, berichtete die Zeitung "Mail Today". Er gehöre der Lashkar-e-Taiba-Gruppe an, der bereits mehrere Anschläge in Indien zur Last gelegt werden. Die islamistische Gruppe kämpft gegen die indische Herrschaft im umstrittenen Kaschmir-Gebiet. Ihr wurden in der Vergangenheit Beziehungen zum pakistanischen Geheimdienst nachgesagt.

Pakistan hat wiederholt betont, staatliche Stellen hätten nichts mit den Anschlägen zu tun. Präsident Asif Ali Zardari schob die Verantwortung "staatenlosen Akteuren" zu. Innenminister Rehman Malik bekräftigte, Pakistan würde Indien bedingungslos bei der Suche nach den Hintermännern der Angriffe unterstützen. Ursprünglich sollte ISI-Chef Ahmed Shujaa Pasha nach Indien reisen, um bei den Ermittlungen zu helfen. Diese Zusage war jedoch zurückgezogen worden. Stattdessen soll ein nachrangiges Mitglied des einflussreichen Geheimdienstes nach Indien kommen.

Tiefpunkt der Beziehung
Die Beziehungen zwischen den Atommächten erreichten nach den Anschlägen von Bombay einen neuen Tiefpunkt. Indien vermutet die Urheber in Pakistan und verlangt die Auslieferung von 20 Verdächtigen. Die Krise beeinträchtigt auch die Bemühungen zur Stabilisierung des ebenfalls an Pakistan grenzenden Afghanistan, wo sich islamische Gruppen Kämpfe mit NATO- und US-Truppen sowie der afghanischen Armee liefern. Hier zeichnete sich jedoch eine Annäherung ab. Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari und sein afghanischer Kollege Hamid Karzai trafen am Freitag unter türkischer Vermittlung in Istanbul zusammen, um über die Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus zu beraten.

Unterdessen ist der genaue Ablauf der Bombay-Anschläge noch immer nicht klar. Nach Einschätzung von US-Experten waren wahrscheinlich mehr Attentäter daran beteiligt als bisher angenommen. "Die indischen Behörden sprechen von zehn Tätern - basierend auf der Tatsache, dass sie einen festgenommen und neun getötet haben", sagte Anti-Terror-Berater David Kilcullen in Washington. "Man muss davon ausgehen, dass einige entwischen konnten." Zu Beginn der Anschlagsserie hatte die Polizei von etwa 25 Attentätern gesprochen.

Das Bundesamt von Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) bestätigte indes, dass nach den Bombay-Anschlägen auch in Österreich ermittelt werde. So soll eine SIM-Karte, die in einem Telefon der Attentäter sichergestellt wurde, von einem Telekom-Unternehmen in Wien ausgestellt worden sein, schrieb die Zeitung "Indian Express". Die verwendete Nummer sei eine nicht ortsgebundene Festnetznummer von einem österreichischen Telefonanbieter und einem ausländischen Provider weiterverkauft worden, hieß es aus dem BVT. Auch in den USA und der Schweiz werde zu SIM-Karten ermittelt. Die Attentäter wollten mit diesen SIM-Karten ihre Ausforschung über Telefonanrufe erschweren.
(apa/red)

5.12.2008 15:43