Minus für unsere Volksschulkinder: TIMSS- Test stellt ihnen ein schlechtes Zeugnis aus
- Leistungen der Schüler auf "mittelmäßigem Niveau"
- Gründe für den Absturz in der Wertung sind unklar

·Veränderungen seit 1995 im TIMSS-Test
GRAFIK: Österreich am unteren Ende der Skala
·Jeder 3. Volksschüler
"leistungsschwach"
"Spitzenschüler"-Anteil hingegen nur bei 10%
·TIMSS: Mädchen schlechter als Buben
Im internationalen Schnitt
aber kaum Unterschiede
·Viele Kinder sitzen
in der falschen Schule
Interessen und Schulwahl
stimmen oft nicht überein
"Die Leistungen der österreichischen Schüler stagnieren auf mittelmäßigem Niveau." Auf diesen Nenner brachte der Salzburger Bildungsforscher Günter Haider die Ergebnisse der internationalen Bildungsvergleichsstudie TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study), sowie der im Vorjahr präsentierten Bildungsstudien PISA und PIRLS. Mit TIMSS, einer Kompetenzmessung von Volksschülern der 4. Klasse in Mathematik und Naturwissenschaft hat Österreichs Bildungssystem zum dritten Mal in Folge in einer internationalen Leistungsstudie ein schlechtes Zeugnis ausgestellt bekommen.
Als Ergebnis der PISA-Studie (Leistungstests von 15- bis 16-jährigen Schülern in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft), der PIRLS-Studie (Lesekompetenz von Volksschülern der 4. Klasse) und TIMSS fasste Studienleiterin Claudia Schreiner vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) zusammen: "Am Ende der Grundschule und gegen Ende der Pflichtschule liegt Österreichs Position im Mittelfeld der OECD- und der EU-Staaten, es gibt deutlich mehr Risikoschüler als Spitzenschüler, bei TIMSS bis zu drei Mal so viel, es gibt deutliche Einflüsse der Bildungsnähe der Familie auf die Schülerleistungen und die Leistungsunterschiede zwischen Einheimischen und Migranten sind beträchtlich."
Österreich nur Mittelmaß
Während bei der erstmaligen Teilnahme 1995 Österreich noch im Spitzenfeld der Untersuchung gelegen ist, landeten bei TIMSS 2007 die heimischen Volksschüler in Mathematik und Naturwissenschaft nur mehr im Mittelfeld. In Mathematik erreichten sie 505 Punkte, um mehr als 100 Punkte weniger als das Top-Land Hongkong (607). Das entspricht nach Angaben der Experten vom BIFIE einem Rückstand von etwa 1,5 Lernjahren. In Naturwissenschaft beträgt der Abstand Österreichs zu den Besten 60 Punkte bzw. etwa ein Lernjahr.
Unter den 36 teilnehmenden Staaten landete Österreich in Mathematik laut BIFIE auf dem 17. Platz, unter den 16 teilnehmenden OECD-Staaten auf dem 10. Platz und unter den 14 teilnehmenden EU-Staaten auf dem 9. Rang. In Naturwissenschaft reichte es für den 15. Platz aller teilnehmender Länder, für Rang neun bei den OECD-, und Platz sieben unter den EU-Ländern. Österreich zählt dabei zu den wenigen Ländern, die ihre Leistungen gegenüber 1995 deutlich verschlechtert haben.
Mehr schlecht als recht
Während in Österreich nur zehn Prozent der Schüler in mindestens einem getesteten Bereich in der leistungsstärksten Gruppe sind, sind es 36 Prozent der Schüler in der leistungsschwächsten Gruppe. In Hongkong dagegen schafften es 42 Prozent der Schüler zumindest in einem Bereich in die leistungstärkste, aber nur 13 Prozent in die leistungsschwächste Gruppe. Der Leistungsabfall Österreichs seit 1995 ist dabei vor allem im oberen Leistungsbereich zu finden. Dagegen hat sich der hohe Anteil an leistungsschwachen Schülern laut BIFIE "leider wenig verändert". Dabei geht der Großteil des Rückgangs vor allem auf Konto der einheimischen Schüler, Kinder mit Migrationshintergrund hätten dagegen 1995 und 2007 "praktisch gleich (schwach) abgeschnitten".
"Dramatisch große Unterschiede" haben die Studienautoren zwischen den österreichischen Volksschulen festgestellt: Die beste und die schlechteste Schule liegen beim Mittelwert in Mathematik um 180 Punkte auseinander - und das "trotz Gesamtschule, einheitlichem Lehrplan, einheitlich ausgebildeten Lehrern und sehr ähnlichen Ressourcen", wie die BIFIE-Experten feststellen. Relativ groß ist auch die Geschlechterdifferenz in Österreich: die Buben schneiden in Mathe um 14 Punkte und in Naturwissenschaft um 13 Punkte besser ab als die Mädchen.
Hohe Kompetenzunterschiede
Hoch sind auch die Kompetenzunterschiede zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund in Österreich: Einheimische Schüler erreichten in Mathematik 513 Punkte, Angehörige der ersten Migrantengeneration (Eltern und Kind eingewandert) erreichten 51 Punkte weniger. In der Naturwissenschaft sind die Unterschiede zwischen Einheimischen und Kindern der ersten Generation mit 84 Punkten noch größer.
Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) zeigte sich angesichts der "dramatischen Verschlechterung" gegenüber 1995, der hohen Zahl an Risikoschülern, den schlechten Leistungen von Kindern mit Migrationshintergrund und den hohen Qualitätsunterschieden zwischen den Volksschulstandorten "betroffen". Allerdings konnte weder sie noch Haider Gründe für den Absturz nennen, Schmied verwies aber erneut darauf, dass in der Zeit zwischen 1995 und 2007 "gespart, Stunden und Personal gekürzt" worden seien.
Kindergartenjahr gegen TIMSS-Flop
Die Ministerin will auf die Ergebnisse mit einem Bündel an Maßnahmen reagieren, darunter das verpflichtende Kindergartenjahr, verstärkte Deutschförderkurse, eine Reform der Lehrerausbildung. Viel erwarten sich Schmied und Haider von der Einführung von nationalen Bildungsstandards, die vergleichbarer Qualität an allen Schulen garantieren soll. Außerdem will die Ministerin das verpflichtende Kindergartenjahr für einen erfolgreichen Schulstart möglichst rasch umsetzen. Zusätzlich sollen Deutschförderkurse und muttersprachlicher Unterricht ausgeweitet werden. Schließlich will Schmied bei der Lehrerausbildung ansetzen und wiederholte ihre Forderung nach einem Aufnahmeverfahren, einem neuen Dienstrecht, besseren Einstiegsgehältern und alternativen Karrieremöglichkeiten.
(apa/red)
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