Dienstag, 2. Dezember 2008

Claude Lévi-Strauss feiert 100. Geburtstag:
Beeinflusste die moderne Anthropologie

  • Seine frühe Studien begründen den Strukturalismus
  • 'Traurrige Tropen' gilt noch heute als Grundlagenwerk

Er begründete die moderne Anthropologie und beeinflusste Generationen von Forschern: Heute wird Claude Lévi-Strauss 100 Jahre alt. Unter anderem feiert ihn das Pariser Musée du Quai Branly mit einem Thementag.

Der Jubilar ist der erste Hundertjährige in der Académie française, die ihn 1973 als ersten Anthropologen in ihren noblen Kreis aufnahm. Lévi-Strauss, der westlich von Paris wohnt, ist bis vor kurzem noch regelmäßig an die Akademiesitzungen gegangen, doch zwei Stürze limitieren mittlerweile seine Aktivitäten etwas.

Neue Analysemethode
Seit den 1950er Jahren und der Veröffentlichung von "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft" (dt. 1981) begründete Lévi-Strauss eine neue Analysemethode, die zum Handwerkszeug jedes Anthropologen wurde.

"Er propagierte einen ganz neuen Blick, ausgehend vom Postulat, dass es eine Ordnung gibt hinter den verschiedenen Kulturen", fasst seine Schülerin Anne-Christine Taylor zusammen. "Es ist nicht einfach die Geschichte, die die Unterschiede zwischen den Gesellschaften herbeigeführt hat und auch nicht der genetische Unterschied, wie man im 19. Jahrhundert annahm."

Begründer des Strukturalismus
Das hinter der Verschiedenheit waltende gemeinsame System herauszuarbeiten, ist die Aufgabe des Strukturalismus, als dessen Begründer Lévi-Strauss gilt.

Claude Lévi-Strauss wurde am 28. November 1908 in Brüssel als Sohn elsässischer Juden geboren. Als er zwei Jahre alt war, soll er sich das Lesen selber beigebracht haben, indem er Ladenschilder verglich: Boulanger und Boucher haben "bou" gemeinsam und so weiter.

Später studierte er an der Sorbonne in Paris Rechtswissenschaften und Philosophie. Nachdem er zwei Jahre lang an einem Gymnasium unterrichtet hatte, wurde er 1935 als Professor an die Universität von Sao Paulo berufen.

Emigration nach New York
Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Frankreich zurück und leistete zwei Jahre Aktivdienst. 1940 ging er nach New York, um an der School for Social Research in New York zu unterrichten.

1949 wurde er Direktor des Musée de l'Homme in Paris, anschließend Direktor der École pratique des hautes études, zuständig für vergleichende Religionswissenschaften. Von 1959 bis zu seiner Pensionierung 1982 war er Professor für Sozialanthropologie am renommierten Collège de France.

"Traurige Tropen" (dt. 1978) begründete 1955 Lévi-Strauss' internationalen Ruf. Dank den literarischen Qualitäten des Buchs vermochte sein Autor ein breites Publikum zu erreichen. Stil und Methode wurden allerdings von manchen Wissenschaftlern erst zögerlich aufgenommen, namentlich von den angelsächsischen.

Lehrstuhl am Collège de France
Nachdem er 1959 auf den Lehrstuhl für Sozialanthropologie des Collège de France berufen wurde, bildete Lévi Strauss eine erste Generation von Schülern aus, die seine Theorie der Verwandtschaft vertieften.

"Heute bereichert bereits eine zweite Schülergeneration die internationale Anthropologie. Sie orientiert sich an tieferen, bisher brach gelegenen Schichten von Lévi-Strauss' Theorie", sagt Anne-Christine Taylor, die die Forschungs- und Lehrabteilung des Musée du Quai Branly leitet.

Der französische Anthropologe, der 1935-39 Professor für Soziologie an der Universität von Sao Paulo war, hat auch brasilianische Forscher beeinflusst, darunter Edouardo Viveiros de Castro, der die Grenzen zwischen Philosophie und Anthropologie untersucht.
(apa/red)

2.12.2008 11:37