Pröll offen über 'Baustellen' seiner Partei:
"Sind viel weiter unten als manche glauben"
- Parteitag als Startschuss für Neuerungen in der ÖVP
- NEWS-Interview : "Sind am Minimum angekommen"

Den Koalitionsvertrag hat Josef Pröll mit Bravour (Stichwort: Schlüsselressorts) verhandelt. Nun geht er die nächste Baustelle an, die ÖVP selbst. Den Parteitag, an dem Pröll zum jüngsten Parteichef der ÖVP in ihrer Geschichte gewählt wird, bezeichnet er als Startschuss für umfangreichste Sanierungsarbeit. Denn, so der Neo-Finanzminister sehr offen im Gespräch mit NEWS: Die ÖVP ist als Partei am Minimum angekommen, wir sind viel weiter unten, als manche glauben!
NEWS: Ihre Parteibasis erscheint frustriert mit Zukunftsängsten und steht kritisch zur Koalition. Im ÖVP-Vorstand gabs trotzdem eine hohe Zustimmung mit 29:3. Sind Sie erleichtert?
Pröll: Die drei Gegenstimmen waren jene, die von Haus aus der großen Koalition systemkritisch gegenüberstanden. Das respektiere ich.
NEWS: Und was erwarten Sie sich jetzt vom Parteitag?
Pröll: Ich gehe mit einer klaren Botschaft nach Wels ich stehe dort zur Wahl als Bundesparteichef, gemeinsam mit meinem Team und mit dem Regierungsprogramm. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben! Alles deutlich über 50 Prozent ist o. k., dann ist das für mich entschieden.
NEWS: Auch wenn es weniger als 80 Prozent Delegiertenzustimmung gibt?
Pröll: Ja, weil ich als Person und mit dem Regierungsteam und dem Koalitionsvertrag in Summe antrete. Es gilt, die Dinge anzupacken. Risiko nicht zu verweigern, sondern zu sagen, was Sache ist! So verstehe ich Politik. Es ist die aktuelle Situation, die solche Antworten zulässt. Ich kämpfe um jede Zustimmung und den Weg, den ich eingeschlagen habe, konsequent.
NEWS: Es ist viel von einer Neuorientierung, einer Neuaufstellung der ÖVP die Rede.
Pröll: Ich werde am Parteitag auch die Frage einer programmatischen Diskussion in der ÖVP relevieren. Ob das in ein neues Parteiprogramm mündet, will ich jetzt nicht präjudizieren aber in einen Einstieg in eine Programmdebatte jedenfalls ja!
NEWS: Ist die Partei kaputt?
Pröll: Sie ist, was die Frage der Organisationsstrukturen auf Bundesebene betrifft, sicher auf einem Minimum angekommen! Da muss massiv gearbeitet werden. Ich bin erst seit zwei Monaten designierter Parteichef. Wer schon jetzt verlangte, Was ist der große Hammer?, Wo gehts hin?, der überfordert das Gesamtkonstrukt. Wir sind viel weiter unten im negativen Sinn , als das manche glauben! Da geht es jetzt um Optimismus, Leidenschaft. Und um Siegeswillen! Dafür muss man sich nach den bitteren Niederlagen der letzten Jahre Zeit nehmen, um nicht gleich in die nächsten Fehler zu stolpern. Sondern aufbauen auf dem, was da ist.
NEWS: Ihre Analyse was hat dazu geführt, trotz Kanzlerschaft von 2000 bis 2006, dass die ÖVP so eingebrochen ist?
Pröll: Dass uns über die Jahre der Regierungstätigkeit zu wenig aufgefallen ist, mir auch nicht, dass die tagespolitische und politische Arbeit fast nur mehr ausschließlich in den Kabinetten konzentriert, die Partei aber ausgehöhlt wurde in der Frage politischer Perspektive. So geriet die Partei unter Druck, wurde zur Event-Agentur und war nicht mehr zentraler Dreh- und Angelpunkt der politischen Arbeit. Ich werde sie wieder in den Fokus stellen.
Lesen Sie das gesamte Interview im NEWS 48/08!
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