Freitag, 28. November 2008

Kinder vom Wiener Stuwerviertel: Baby-
Strich gewinnt in Sperrbezirk Überhand

  • Unterschriftenaktion gegen Prostitution gestartet
  • NEWS: Mädchen mit schwerem Schicksal allein

Janina sitzt auf einer Betonbarriere, die Kinder bemalt haben, und wartet. Schmetterlinge, Häschen, Blumen und Bienen haben die Kleinen gezeichnet - eine heile Welt, wie sie sich die Volksschüler wünschen würden. Doch die Kinder brauchen bloß aus dem Fenster ihres Klassenzimmers zu blicken, um eine Wirklichkeit zu sehen, die weitaus bitterer wirkt.

Die durch ihre Malereien so schön verzierte Betonbarriere wurde nur zu einem einzigen Zweck errichtet: um den mit Autos herumkreisenden Männern das Leben zu erschweren, ihre Lust zu zügeln, ihre Wege zu versperren. Sie soll den Männern, die oft selbst Kindersitze auf der Rückbank montiert haben, den Aufriss verdrießen.

Den Aufriss illegaler, oft auch minderjähriger Prostituierter, die hier am helllichten Tag wie bei stockdunkler Nacht auf Freier warten. Im Wiener Stuwerviertel, unweit des Riesenrades im zweiten Gemeindebezirk gelegen, gibt es viele solcher Barrieren aus Beton und noch mehr Männer, die dies wenig kümmert. Janina, das 16-jährige Mädchen mit dem blonden Haar und der kindlichen Figur, muss nicht lange warten, bevor der erste Wagen bremst. "Was machst du?", ertönt die ewig gleiche Frage aus dem Inneren, und Janina antwortet wie immer, "30 Euro für oral, 40 Euro für Sex …" Eine Tür geht auf, das Mädchen steigt ein, ein Wagen fährt weg.

Eine Szene, wie sie Peter L. schon unzählige Male beobachtet hat und für die er bloß aus dem Fenster blicken musste. Seit 25 Jahren lebt er mit seiner Familie im Stuwerviertel, "und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Mehr Mädchen und noch mehr Freier", so sein knapper Befund über das ungezügelte Treiben mitten im Wohngebiet. "Meine Frau oder meine Tochter brauchen bloß aus dem Haus zu gehen, und schon werden sie von Freiern angequatscht, die sie für Prostituierte halten."

Prostitution in der Frühstückspension
Peter L. glaubte das Recht auf seiner Seite zu haben, als er begann, Unterschriften gegen die Zustände im Viertel zu sammeln. Denn immerhin verbieten Gesetze jegliche Anbahnung und Ausübung von Prostitution im Umkreis von 150 Metern von Schulen und Kindergärten. Zusätzlich wurde das gesamte Stuwerviertel schon vor Jahren zum Sperrbezirk erklärt.

Doch mitunter, so musste auch Peter L. mit seinen gesammelten Hunderten Unterschriften erkennen, liegen Recht und Realität ziemlich weit voneinander entfernt. Auf sein Wohnhaus scheint dies in besonderem Maße zuzutreffen. In dessen Parterre befindet sich nämlich, Tür an Tür zu seiner Wohnung, ein Lokal, das als sogenannte Frühstückspension konzessioniert ist.

"Ich vermiete bloß Zimmer, was dann dort geschieht, geht mich nichts an", wehrt sich Walter Piranty, der Besitzer des Lokals, der wenig Verständnis für den Unmut der Anrainer hat: "Wer nach Schwechat zieht, muss mit Fluglärm rechnen, wer hierherzieht, eben mit Huren - so war es schon immer, und so wird es auch bleiben."

Mädchen bleiben auf der Strecke
Und die Mädchen? "Ihrer nimmt sich keiner an", kritisiert die Sozialwissenschaftlerin Carolin Tener, die ebenfalls im Stuwerviertel recherchiert hat.

Wie schlimm ihr Alltag sein muss, lässt sich an Ivkas Augen ablesen, denen jegliches Glänzen längst abhanden gekommen ist. Zusammengekauert sitzt die 18-jährige Serbin auf einem gemauerten Bettersatz in einer der 10-Euro-Absteigen und schildert ein Schicksal, das es selten gut mit ihr gemeint hat: "Ich bin hierhergekommen, da ich zuhause zwei Kinder habe, die ich nicht ernähren kann, weil ich dort keinen Job finde. Arbeitsgenehmigung erhalte ich keine, und das Einzige, was ich legal hier machen darf, ist, mich zu prostituieren." Was das bedeutet, musste Ivka bald am eigenen Leib erfahren...

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28.11.2008 11:01