Korrupte Medizin? Schwere Vorwürfe gegen die Arzneimittelindustrie und Mediziner
- Buchautor Hans Weiss stellt Ärzte an den Pranger
- PLUS: Die profil-Coverstory über käufliche Ärzte
·Wie korrupt ist die Medizin wirklich?
Die perfiden Tricks der Pharmaindustrie
·Doping-Vorwürfe gegen Kinderkrebsarzt
Angeblich EPO in Wiener Fitnesscenter verkauft

Pharma, Ärzte, Bestechung. Diese Ingredienzien sorgen seit Jahren immer wieder für "Aufreger". Der ehemalige "Bittere Pillen"-Co-Autor Hans Weiss legte ein neues Werk (Kiepenheuer & Witsch) mit dem Titel "Korrupte Medizin. Ärzte als Komplizen der Konzerne" vor. Für die zum Teil verdeckte Recherche absolvierte Weiss laut seinen Angaben die Ausbildung zum Pharmareferenten und fungierte dann vorgeblich als Pharma-Consultant.
"Die Pharmakonzerne haben sehr viel Geld." "Geld ist verführerisch." "Ärzte gelten als unabhängig." "Je einflussreicher ein Arzt ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er von einem oder mehreren Pharmakonzernen dafür bezahlt wird, dass er nebenbei als Berater oder Vortragender oder Studienleiter tätig ist." - So formuliert Weiss seine Grundthesen. Er analysiert - aus seiner Sicht - auch eine ganze Reihe bekanntgewordener Pharma-Flops der vergangenen Jahre.
Mangelnde Innovationen - so der Autor - würden die Pharmakonzerne mit immer aggressiverem Marketing zu kompensieren versuchen. Einladungen, Honorare für Meinungsbildner, Einflussnahme auf die Erstellung von Diagnose- und Behandlungsleitlinien bis zur Klassifikation von Ärzten nach ihrem Verschreibungsverhalten - es rieche ständig nach Korruption. Der Autor, der auch an einem Pharmamarketing-Kongress teilnahm: "Alle Anstrengungen der Pharmabranche kreisen um den Arzt. Er ist die Zielperson." Da allerdings Werbung für rezeptpflichtige Medikamente in Österreich verboten ist, ist das Bemühen um die verschreibenden Ärzte natürlich der Ausweg.
Falsche Schlüsse?
Allerdings, Weiss zieht auch Schlüsse, die möglicherweise falsch sind. So wirft er einem bekannten Wiener Onkologen vor, dass er sich für ein Magazin mit einem Krebsmedikament abfotografieren ließ. Das war im Jahr 2005. Dahinter stand aber keinesfalls eine mit "Werbung" in Verbindung stehende Aktivität. Der Kliniker hatte am 8. August 2005 der Tageszeitung "Der Standard" und der APA ein Interview gegeben, in dem er auf die möglichen Finanzierungsprobleme für die neuesten, hoch wirksamen und kostspieligen Medikamente der "zielgerichteten" Krebstherapie hinwies. In dem Magazin wurde das dann bebildert. Bei dem Interview war es jedenfalls ausschließlich um die Sorgen des Arztes gegangen, dass die Politik nicht mehr genug Geld für die Medikamente bereitstellen könnte. Und niemand wird sich einer oft mit erheblichen Nebenwirkungen behafteten Krebstherapie unterziehen, wenn dies nicht unumgänglich wäre.
Einem Wiener Psychiater bot Weiss - ähnlich auch Klinikern in Deutschland - unter dem Deckmantel als Pharma-Consultant die Durchführung einer Studie an, in der Patienten mit Depressionen entweder mit einem Scheinmedikament oder einem echten Arzneimittel behandelt werden sollten. Der Arzt - so der Autor - zeigte sich interessiert. Weiss sieht das als Verstoß gegen ethische Grundsätze, wonach bei schweren Erkrankungen immer die Standardtherapie als Vergleich - und kein Placebo - verwendet werden darf. Auch um Geld soll es dabei gegangen sein. Der genannte Arzt zu den Vorwürfen gegenüber der APA: "Wir machen nur Studien, die vom Spital und von der Ethikkommission genehmigt worden sind. Placebokontrollierte Studien werden auch von den Zulassungsbehörden verlangt."
Am Ende des Buches finden sich fast 20 Seiten mit "Disclosure Statements", also Informationen, welche prominenten Ärzte welche klinischen Studien für welche Pharmaunternehmen durchgeführt haben oder für wen sie als Berater tätig waren. Die Informationen stammen zum Teil aus Publikationen der Betroffenen. Einer der genannten Kliniker: "Diese Angaben sind das Gegenteil von dem, was da impliziert wird. Sie sind ein Werkzeug, mit dem mehr Transparenz erzeugt wird." Wissenschaftliche Zeitschriften etc. verlangen solche Statements, damit mögliche Interessenskonflikte dargelegt werden.
Ärztekammer warnt vor Pauschalverurteilung
Vor einer ungerechten Pauschalverurteilung der Ärztinnen und Ärzte warnte der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Walter Dorner, in einer ersten Stellungnahme zu den Korruptionsvorwürfen des Buchautors Hans Weiss. "Eigentlich hätte ich mir erwartet, dass Weiss, der seit Jahren auf diesem Gebiet recherchiert, die Vorwürfe an den ärztlichen Ehrenrat heranträgt, der eigens dafür eingerichtet und unabhängig besetzt ist", erklärte der Standesvertreter.
Die ÖÄK habe einen strengen Verhaltenskodex über den Umgang der Ärzteschaft mit der Pharmawirtschaft sowie einen Ehrenrat, der unter der Leitung pensionierter Höchstrichter Verdachtsmomenten nachgehe. Für schwarze Schafe gebe es "null Toleranz", sagte Dorner. Einmal mehr werde auch anhand des neuen Buches von Weiss klar, dass immer mehr Experten mit dem Thema Korruption Imagepflege als "Aufdecker und Enthüller" betreiben.
(apa/red)
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