Trotz Konfrontation setzt man auf Dialog:
Russisch-europäische Handelsbeziehungen
- Wirtschaftliche Annäherung mit Zähneknirschen
- Russland als drittgrößter Handelspartner der EU

·Der russische Patient
hat Finanzprobleme
FORMAT: Das Reich von Oleg Deripaska bröckelt
·Österreich investiert stark in CEE-Raum
Hälfte der Investitionen fließt nach Osteuropa
Der Streit um die Anerkennung des Kosovo durch die Mehrheit der EU-Staaten und um die russische Anerkennung der separatistischen georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien kann über eines nicht hinwegtäuschen: Russland wird für die Europäische Union als Handelspartner immer wichtiger. Wohl auch vor diesem Hintergrund haben sich mit Ausnahme Litauens alle EU-Staaten zur Fortsetzung der nach dem Georgien-Krieg eingefrorenen Gespräche über ein neues EU-Partnerschaftsabkommen mit Moskau ausgesprochen.
Wenn auch zähneknirschend, setzen nunmehr fast alle EU-Staaten auf Dialog statt auf Konfrontation mit dem Kreml. Selbst die polnische Regierung, die jede Annäherung an Russland traditionell mit Misstrauen verfolgt, schwenkte ein, obwohl Präsident Lech Kaczynski vor einer Woche noch gemeinsam mit seinem litauischen Amtskollegen Valdas Adamkus die EU aufgefordert hatte, die Verhandlungen mit Russland über ein Partnerschaftsabkommen vorerst nicht wieder aufzunehmen.
Drittgrößter Handelspartner
Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Russland hinter den USA und China der drittgrößte Handelspartner der 27 EU-Staaten ist. Seit 2000 hat sich der Wert der Warenlieferungen in beide Richtungen fast verdreifacht. Auch in diesem Jahr verzeichnete das EU-Statistikamt Eurostat in der ersten Hälfte einen weiteren Anstieg um ein Viertel. Der Wert der EU-Ausfuhren nach Russland stieg demnach gegenüber dem Vorjahr von 40 Milliarden Euro auf 50 Milliarden Euro, das Importvolumen von 69 Milliarden auf 88 Milliarden Euro. Mit fast einem Drittel aller Ausfuhren ist Deutschland der größte Exporteur der EU, gefolgt von Italien und Finnland. Zugleich ist auch Deutschland größter Abnehmer von Waren aus Russland.
"Die Wirtschaften Europas und Russlands sind sehr von einander abhängig. Wir sollten nicht unterschätzen, welche Stärke uns das verleiht", hatte EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner für die Wiederaufnahme der Gespräche argumentiert. "Sicherlich kaufen wir einen großen Anteil russischer Energie - aber für Russland sind wir ihr Exportmarkt, und das ist eine Haupteinnahmequelle, die das russische Wachstum angetrieben hat."
Erdöl und Erdgas
Tatsächlich beziehen die Europäer ein Drittel ihrer Erdöl-Importe und 42 Prozent ihrer Erdgas-Einfuhren aus Russland, während die Europäer vor allem Industrieprodukte an Russland liefern. Der immer wieder aufflammende Streit mit Transitländern wie Ukraine und Weißrussland sowie fehlende Investitionen trotz steigender Energie-Nachfrage hat die Befürchtungen der Europäer über die Sicherheit der Energieversorgung genährt.
Nicht zuletzt deshalb will die EU das neue Partnerschaftsabkommen mit Moskau eher heute als morgen in Kraft sehen. Dieses soll nach dem Wunsch der Europäer Garantien für Gas und Öl-Lieferungen enthalten und außerdem europäischen Unternehmen den Zugang zum russischen Energiemarkt öffnen.
(Von Thomas Schmidt/APA)

