EZB reduziert Leitzins auf 3,25 Prozent:
Europas Länder ziehen bei Senkung nach
- Europäische Zentralbank deutet weitere Senkung an
- 'Außergewöhnliche Herausforderungen liegen vor uns'

·Britische Notenbank senkt Leitzins um 3 %
Rezessionsangst erfordert
drastische Maßnahmen
·Vom großen Fiasko
bis zum Rettungsplan
Die Chronologie der Krise
auf den globalen Märkten
Im verzweifelten Kampf gegen Finanzkrise und Konjunkturflaute haben europäische Notenbanken auf breiter Front die Zinsen gesenkt. Die Europäische Zentralbank verringerte den für die Banken wichtigen Leitzins im Euroraum um weitere 0,5 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent und deutete eine weitere Senkung an. Auch die britische Zentralbank, die Schweizer Notenbank, die Dänische Zentralbank und die tschechische Nationalbank lockerten ihre geldpolitischen Zügel weiter.
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet betonte die große ökonomische Unsicherheit angesichts der Zuspitzung der Finanzmarktkrise. "Außergewöhnliche Herausforderungen liegen vor uns", sagte Trichet. Für den Euroraum stellte Trichet eine deutliche Abschwächung der Konjunktur fest: Die Nachfrage aus dem In- und Ausland sei gesunken, die Finanzierungsbedingungen hätten sich verschärft. Mehrfach betonte er die Verantwortung der Geldhäuser: "Wir erwarten, dass der Bankensektor seinen Beitrag dazu leistet, Vertrauen wieder herzustellen", erklärte der EZB-Präsident.
Trichet zufolge hatte das EZB-Direktorium sogar eine Zinssenkung um 75 Basispunkte diskutiert, den geringeren Schritt aber letztlich für angemessen gehalten. Eine weitere baldige Zinssenkung schloss er ausdrücklich nicht aus. Marktbeobachter erwarten, dass die EZB in einer ihrer nächsten Sitzungen eine weitere Senkung um 50 Basispunkte vornimmt.
Rückgang der Lebenserhaltungskosten
Ein kleiner Lichtblick in dem ansonsten düsteren Bild ist die Einschätzung zur weiteren Inflations-Entwicklung. Angesichts sinkender Rohstoffpreise und der Konjunkturabkühlung rechnet die EZB mit einem Rückgang der Lebenshaltungskosten in den kommenden Monaten. Dies würde den Währungshütern Spielraum für weitere Zinssenkungen eröffnen. Im Oktober war die Inflation im Euroraum auf 3,2 Prozent gesunken nach 3,6 im September und 3,8 Prozent im August. Als Preisstabilität definiert die EZB eine Rate von knapp 2 Prozent.
Der Bundesverband deutscher Banken sprach von einer richtigen Reaktion angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen Aussichten im gemeinsamen Währungsraum. Als weiteren wichtigen Beitrag zur "Entschärfung der Situation auf den Geldmärkten" bezeichnete der Sparkassen- und Giroverband die Entscheidung. Börsianer reagierten dagegen enttäuscht. Börsenhändler Fidel Peter Helmer von der Privatbank Hauck & Aufhäuser erklärte, die Märkte hätten auf eine kräftigere Zinssenkung der EZB gehofft.
Zinssenkungen in ganz Europa
Die Bank of England verringerte den Leitzins drastisch um 1,5 Prozentpunkte auf 3 Prozent. Es war die stärkste Rücknahme seit 15 Jahren und mehr als von Beobachtern erwartet. Die Schweizerische Nationalbank senkte das Zielband für den Dreimonats-Libor von bisher 2,0 bis 3,0 Prozent auf 1,5 bis 2,5 Prozent, die Dänische Zentralbank verringerte den Leitzins um einen halben Punkt auf 5,0 Prozent.
Zuletzt hatte die EZB am 8. Oktober in einer konzertierten Aktion mit der US-Notenbank Fed, der Bank of England und anderen großen Notenbanken der Welt den Leitzins herabgesetzt, um der anhaltenden Finanzmarktkrise zu begegnen. Für die USA senkte die Fed den Leitzins am Mittwoch vergangener Woche erneut um 0,5 Prozentpunkte auf nunmehr nur noch 1 Prozent. (apa/red)

