Montag, 3. November 2008

Formel-1-Finale als verrücktes Drama: Hamilton wird Weltmeister in letzter Kurve

  • Entscheidendes Manöver gegen Glock kurz vor Ziel
  • Rettet damit Platz fünf & Titel. Massa-Sieg zu wenig
    Ferrari feierte zu früh: Massa um 1 Punkt geschlagen

Im zweiten Anlauf hat er es geschafft. Lewis Hamilton ist erstmals Formel-1-Weltmeister - mit 23 Jahren, 9 Monaten und 26 Tagen der jüngste der Geschichte. Der Engländer rettete in einem an Dramatik nicht zu überbietenden Saisonfinale in Brasilien Platz fünf. Ferrari-Konkurrent Felipe Massa nützte damit auch der Sieg in seinem Heimrennen nichts. Hamilton holte sich den Titel mit einem einzigen Punkt Vorsprung.

Im Vorjahr hatte Hamilton die WM im Finale um einen Punkt an Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen verloren. Ein Jahr später war dem Jungstar an selbem Ort und selber Stelle das Glück hold. Erst in der allerletzten Kurve überholte Hamilton den Deutschen Timo Glock im Toyota, der im Regen mit Trockenreifen chancenlos war. Davor hatte Toro-Rosso-Pilot Sebastian Vettel Massa mit einem Überholmanöver gegen Hamilton schon fast sicher zum Champion gemacht.

Verfrühter Jubel
Die 100.000 Fans in Interlagos/Sao Paulo und die Familie in der Ferrari-Box hatten bereits für Massa gejubelt. Am Ende musste sich der 27-Jährige mit seinem elften Grand-Prix-Sieg und dem Vizeweltmeistertitel trösten. Ferrari holte außerdem wie im Vorjahr den Titel in der Konstrukteurs-WM. Hinter Massa landeten Fernando Alonso im Renault und Räikkönen auf dem Podest. Der finnische Titelverteidiger rückte damit auch in der WM noch auf Rang drei vor.

Zu Massas Tränen der Enttäuschung mischten sich jene der Erleichterung von Hamilton. Der Brite dankte seinem Team über Funk: "Ihr wart einfach großartig - die ganze Saison. Und Dank auch an meine Familie - ihr seid einfach die Besten." Hamilton war neben seinem Vater Anthony und seinem behinderten Halbbruder Nicolas auch von seiner Freundin Nicole Scherzinger, Sängerin der Pussycat Dolls, nach Brasilien begleitet worden.

"Das war das intensivste Rennen meines Lebens. In der letzten Runde war ich kurz davor, verrückt zu werden. Ich habe aber auch sehr viel Glück gehabt", gestand Hamilton, der erste britische Weltmeister seit Damon Hill 1996. "Es war ein hartes Jahr. Aber es ist verdient. Lewis hätte den Titel schon im Vorjahr verdient gehabt", meinte McLaren-Teamchef Ron Dennis, der sich über den ersten Fahrertitel für seinen Rennstall seit Mika Häkkinen 1999 freute.

Regen machte Finish zum Krimi
Fünf Sekunden rettete Hamilton am Ende trotz Problemen mit seinen Intermediate-Reifen gegen Glock, nachdem fast das gesamte Feld wegen eines Regengusses für die finalen fünf Runden gewechselt hatte. "Ich war fast schon mutlos, aber ich habe weitergekämpft", sagte Hamilton. "Wir wussten, dass Glock auf Trockenreifen unterwegs war", erinnerte Dennis. Auch Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug rang nach Worten: "Das ist großer Sport gewesen."

Das Rennen hatte bereits etwas chaotisch mit zehn Minuten Verspätung begonnen. Grund war ein nur wenige Minuten dauernder, heftiger Wolkenbruch, der die Strecke in einigen Teilen unter Wasser gesetzt hatte. Das gesamte Feld wechselte auf Intermediates. Hamilton behauptete nach verhaltenem Start Platz vier, wechselte bei auftrocknender Piste aber beinahe zu spät auf Trockenreifen und verlor vorübergehend drei Plätze.

Massa souverän an der Spitze
Schon nach elf Runden wäre Massa fiktiv Weltmeister gewesen. Hamilton überholte erst den Italiener Jarno Trulli und wenig später mit einem mutigen Manöver auch dessen Landsmann Giancarlo Fisichella. Für Aufsehen sorgte Vettel, der lange Zeit auf Rang zwei gelegen war, mit einer Dreistopp-Strategie aber vorübergehend hinter Hamilton zurückrutschte. Als im Finish noch einmal Regen einsetzte, ging der deutsche Jungstar am Briten vorbei, wurde Vierter.

Massa versuchte, den nur um eine Kurve verpassten WM-Titel mit Fassung zu tragen. "Das Rennen war perfekt, wir haben alles fantastisch gemacht", erklärte der Brasilianer. "Auf alles andere haben wir keinen Einfluss gehabt." Auch nicht auf das verrückte Wetter, das die Taktiker mit zwei heftigen Schauern samt Trockenphase dazwischen herausgefordert hatte. Doch Hamilton stemmte sich in Sao Paulo, der Stadt seines Idols Ayrton Senna, erfolgreich gegen ein schmerzhaftes Deja-vu. Brasilien wartet damit seit Senna 1991 weiter auf seinen ersten Weltmeister.

(apa/red)

3.11.2008 11:55
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