Donnerstag, 16. Oktober 2008

Schnäppchenjäger als Gewinner der Krise:
Asiens Staatsfonds & Banken im Vormarsch

  • Schnäppchenjagd an den Märkten der USA & Europas
  • Finanzkrise verursacht in Asien nur geringere Kosten

Wenn stolze Bankhäuser kleinmütig den Staat zu Hilfe rufen, erfolgsverwöhnte Finanzinstitute sich dem Ausverkauf stellen und Aktienkurse im Sturz alle Geschwindigkeitsrekorde brechen, ist ihre Zeit gekommen: Altgediente Investoren mit langem Atem und viel Geduld betreten die Bühne, um die Schnäppchenjagd an den Börsen zu starten. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Turbulenzen an den Finanzmärkten rückt aber eine andere Spezies von Spekulanten in den Vordergrund: Asiatische Staatsfonds und Staatsbanken kaufen sich mit Milliardenbeträgen in angeschlagene Kreditinstitute ein und dringen damit tief in die Finanzhochburgen Europas und der USA vor.

Den aufstrebenden Wirtschaftsmächten Asiens kommt die Finanzkrise dabei gleich in zweifacher Hinsicht gut zu Pass. Zum einen ist zu erwarten, dass Investoren ihr Geld nach dem Vertrauensverlust in die europäischen und nordamerikanischen Märkten zum Teil dauerhaft in den aufstrebenden Schwellenländern veranlagen werden. Zum anderen steht es den Staatsfonds aus Asien und der arabischen Welt nun frei, sich zu Schleuderpreisen am amerikanischen und europäischen Finanzmarkt bedienen zu können.

Der Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate erwirbt seit 2007 kontinuierlich Anteile am amerikanischen Kreditriesen Citigroup. Der chinesische Staatsfonds China Investment Corporation investierte Milliarden in die angeschlagenen Morgan Stanley, Barclays, Fortis und andere Big Player der Finanzwelt. Die staatliche Bank Of China erhöhte gegen Ende des Vorjahres ihr Engagement bei Fannie Mae und Freddie Mac auf knapp 30 Mrd. Dollar. Die südkoreanische Beteiligungsgesellschaft Korea Investment Group kaufte sich zu Beginn des Jahres 2008 mit zwei Mrd. Dollar in die US-Bank Merrill Lynch ein, bei der der Staatsfonds Temasek aus Singapur sogar mit 5,6 Mrd. Dollar einstieg.

Aktiv zum Jahreswechsel
Auffällig ist dabei, dass die staatlichen Investoren verstärkt zum Jahreswechsel aktiv wurden, als die Krise noch primär als Krise am Immobilienmarkt verstanden wurde, bereits viele Titel von Hypothekenfinanzierern aber günstig zu erwerben waren. Seit Mitte des Jahres übten sich die Staatsfonds und Staatsbanken in mehr Zurückhaltung und fuhren die Beteiligung bei Pleitekandidaten punktuell sogar herunter, behielten die strategische Ausrichtung jedoch weiterhin im Auge. Erst kürzlich stieg der staatliche Fonds Qatar Investment Authority mit 6,5 Mrd. Euro bei der angeschlagenen Credit Suisse ein. Wo Staatsfonds angesichts der instabilen Märkte keine weiteren Beteiligungen riskierten, springen private Investoren in die Bresche: Der japanische Investor Nomura übernahm Teile der bankrotten Lehman Brothers, die japanische Mitsubishi UFJ Financial Group stieg bei JP Morgan und zuletzt mit 21 Prozent bei Morgan Stanley ein.

Vernachlässigbare Kosten
Natürlich verursacht die Finanzkrise auch Asien beträchtliche Kosten. Die boomenden Volkswirtschaften Chinas und Indiens müssen mit einem kurzfristigen Rückgang des Wirtschaftswachstums rechnen und einzelnen Instituten stehen auch Abschreibungen ins Haus. Die Abschwächung des Wachstums wird Prognosen des IFW zufolge jedoch nur gering ausfallen und "faule" Titel machen nur einen kleinen Teil der Aktivitäten der primär als Geschäftsbanken ausgestellten Kreditinstitute aus. Liquiditätsengpässe sind bei den staatlichen Finanzinvestoren jedenfalls nicht in Sicht.

Kapital, das in der Asienkrise 1997/1998 aus den USA die Staaten Ostasiens und Südostasiens auffangen sollte, fließt jetzt in Form von Krediten aus Asien zurück nach Europa und in die USA. Nur unter umgekehrten Vorzeichen: Die Bedingungen für die gewährten Kredite diktierten damals die Wall Street, Frankfurt, London und Paris. Heute sind es die Metropolen Asiens, in denen immer mehr Entscheidungen über die Entwicklung der Finanzwelt fallen. Das veranlasste kürzlich auch den altgedienten Spekulanten George Soros, der im Übrigen in der Krise selbst Milliarden scheffelte, zu der Einschätzung, dass der wahre Gewinner der Finanzkrise Asien heißt.
(Stefan Meisterle)

16.10.2008 13:35