US-Wahlmännersystem stark umstritten:
Präsident nicht direkt vom Volk gewählt
- Präsidentschaft auch ohne Stimmenmehrheit möglich
- Mindestens 270 Wahlmännerstimmen für Sieg nötig

·GRAFIK: Das US- Wahlmännersystem
270 Stimmen von 538
für Wahlsieg erforderlich
·Lustige Höhepunkte & bittere Tiefschläge
news.at über küssende Schweine und McBama
Wer eine Karte der USA betrachtet, auf der die einzelnen Staaten den aktuellen Umfragen gemäß rot für eine republikanische Mehrheit und blau für eine demokratische eingefärbt sind, vermeint, eine deutliche Überlegenheit von John McCain und seiner Mitstreiterin Sarah Palin auszumachen. Und doch ergibt sich daraus tatsächlich ein Vorsprung für den demokratischen Kandidaten Barack Obama und seinen Vize Joe Biden. Das erinnert einmal mehr daran, dass der Präsident der USA nicht direkt von "seinem" Volk, sondern indirekt über ein Wahlkollegium von 538 Mitgliedern gewählt wird - eine urtümliche, komplizierte und umstrittene Methode.
Jeder einzelne Staat sowie der District of Columbia mit der Hauptstadt Washington stellen im sogenannten Electoral College so viele Wahlmänner oder -frauen, wie sie Abgeordnete in beiden Häusern des Parlaments haben - also höchst unterschiedlich viele, berechnet nach der Einwohnerzahl des jeweiligen Staates. Erst sie küren traditionell am Montag nach dem zweiten Mittwoch im Dezember - heuer daher am 15.12. - den Präsidenten.
Präsident über Wahlmänner gewählt
Bei der Wahl am 4. November wird also genau genommen nicht der Präsident gewählt, sondern die Wähler entscheiden lediglich über die Zusammensetzung des Electoral College. Prinzipiell richten sich seine Mitglieder bei der Kür des Präsidenten auch nach dem Votum der Wähler. Zwingend vorgeschrieben ist das allerdings nicht in allen Staaten. Es gab in der Vergangenheit auch wiederholt Abweichungen, was aber bisher stets wegen klarer Mehrheitsverhältnisse keine Rolle spielte.
Eine der meistdiskutierten Besonderheiten dieses Wahlmodus' ist das "winner takes all"-System: In 48 Staaten erhält jener Kandidat, der - sei es auch nur mit einer Stimme Vorsprung - bei der Volkswahl die einfache Mehrheit erzielt, die Stimmen gleich aller diesem Staat zustehenden Wahlmänner. Lediglich in Nebraska und Maine werden die Wahlmänner/frauen proportional nach dem Stimmenanteil vergeben.
Wahlsieg auch ohne Stimmenmehrheit möglich
Dieses System kann im Extremfall bewirken, dass ein Präsident mit der Mehrheit des Wahlkollegiums gewählt wird, obwohl er bei der direkten Wahl durch die Bürger landesweit weniger Stimmen erhalten hat als sein Gegenkandidat. Wie es Al Gore passierte, der im Jahr 2000 gut 300.000 Stimmen mehr als George W. Bush erhielt, letztlich aber trotzdem unterlag, weil Bush nach der Beendigung der Auszählungen in Florida durch den Supreme Court sämtliche 27 Wahlmänner des "Sunshine State" für sich verbuchen konnte.
Das Wahlkollegium wählt den Präsidenten getrennt nach Staaten in geheimer Abstimmung. Dazu kommen die Wahlmänner in den Hauptstädten ihres jeweiligen Staates zur Stimmabgabe zusammen. Die Verfassung schreibt vor, dass die beglaubigten Listen dann "an den Sitz der Regierung der Vereinigten Staaten, zu Händen des Senatspräsidenten" geschickt werden. Senatspräsident ist der US-Vizepräsident, derzeit also noch Dick Cheney. Erst Anfang Jänner wird das Resultat in einer gemeinsamen Sitzung beider Häuser des neuen Kongresses bekanntgegeben. Wer die Stimmen von mindestens 270 Wahlmännern auf sich vereint, wird dann am 20. Jänner als Präsident vereidigt.
Bei Gleichstand entscheidet Repräsentantenhaus
Schafft keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit der Stimmen des Wahlkollegiums - etwa bei Gleichstand oder wenn mehr als zwei Bewerber Wahlmännerstimmen auf sich vereinen können - wählt das Repräsentantenhaus einen der Kandidaten zum Präsidenten, wobei jeder der 50 US-Staaten nur eine Stimme hat. Gewählt ist dann, wer mindestens 26 Stimmen erhält.
(apa/red)
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