Donnerstag, 16. Oktober 2008

Frankfurter Buchmesse öffnet ihre Tore:
Orhan Pamuk übt scharfe Kritik an Türkei

  • Ausstellerzahlen leicht unter Rekordniveau von 2007
  • 250 türkische Schriftsteller und 150 Verlage vertreten

Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse haben der deutsche Außenminister Frank Walter Steinmeier (SPD) und der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk mehr Meinungsfreiheit in der Türkei angemahnt. "Da mag die Türkei noch ein Stück des Weges vor sich haben", sagte Steinmeier bei der Eröffnung der weltgrößten Bücherschau über das diesjährige Gastland.

Pamuk übte noch deutlich schärfere Kritik an den Zuständen in seiner Heimat, während der türkische Staatspräsident Abdullah Gül von einer positiven demokratischen Entwicklung sprach und auf Reformen verwies. Die Türkei präsentiert sich bis Sonntag unter dem Motto "Faszinierend farbig". Etwa 250 türkische Schriftsteller und 150 Verlage sind vertreten.

Ausstellerzahlen leicht rückläufig
Die weltgrößte Bücherschau öffnete am Mittwoch ihre Tore mit Ausstellerzahlen leicht unter dem Rekordniveau des Vorjahres. 7.373 Aussteller (Vorjahr: 7.448) aus 100 Ländern hätten sich angemeldet, berichtete Buchmessen-Direktor Juergen Boos. Rund 280.000 Besucher werden während der fünf Tage erwartet.

"Der Hang des türkischen Staates, Bücher zu verbieten und Schriftsteller zu bestrafen, hält leider immer noch an", sagte Pamuk in seiner literarischen Eröffnungsrede. Der 56-Jährige führte den Paragrafen 301 des türkischen Strafrechts an, "mit dem man Schriftsteller wie mich einzuschüchtern versucht". Hunderte von Schriftstellern und Journalisten würden gerichtlich belangt und verurteilt.

Einschränkung türkischer Literaten
Ein gegen Pamuk angestrengter Prozess war vor zwei Jahren eingestellt worden. Den Paragrafen 301, der Haftstrafen für die "Herabwürdigung des Türkentums" vorsah, hat die Türkei in diesem Jahr abgemildert. Pamuk kritisierte zudem, dass der Zugang zum Internet-Portal YouTube und Hunderten anderen in- und ausländischen Websites den Menschen in der Türkei "aus politischen Gründen" verwehrt werde.

Staatspräsident Gül sagte, Einschränkungen und Druck, denen Schriftsteller und Bücher ausgesetzt gewesen seien, "haben mit der Zeit abgenommen oder sind gänzlich verschwunden". Die Türkei habe dank der in den letzten Jahren beschleunigten wirtschaftlichen und politischen Reformen "die Kriterien der Europäischen Union auf den Gebieten der Meinungs- und Redefreiheit sowie der Achtung der kulturellen Vielfalt in großem Maße verwirklicht".

Internet als Chance
Die Buchbranche stehe vor einschneidenden Veränderungen, sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, zur Eröffnung der Messe. Die Verlage täten gut daran, sich diesen Herausforderungen zu stellen und das Internet als Chance zu begreifen und nicht als Feind zu sehen. Dennoch sei es "skandalös, wie unsere Politik der Piraterie digitaler Bücher freien Raum zu geben scheint". Der Konsum von Inhalten, für die nicht bezahlt wurde, werde immer häufiger zur Selbstverständlichkeit.

(apa/red)

16.10.2008 21:07