Donnerstag, 9. Oktober 2008

Die stille Revolte der Kids

  • "Warum wir Strache gut finden!"

Zwischen Zukunftsangst und Polit-Protest – warum jeder dritte Teenager blau wählte.

Wummernde Bassbeats, zuckende Neonlichter, und Luftschwaden, so dicht wie zerschlissene Putzfetzen: Die Disco „Millennium“ in der Shopping City Süd ist einer jener vorstädtischen Tanztempel, die Rentner jenseits der 30 bestenfalls in Begleitung ihres Ohrenarztes betreten. Obwohl – der adrette Herr, den hier fast alle vom Sehen kennen und nicht wenige gewählt haben, ist schon biblische 39. Dafür aber steht er laut seiner Homepage auf „schnelle Rhythmen“ und ist „Allestrinker“.

Tanz den VdB? Tanz den Willi? Tanz den …? Fehlanzeige! „Der Strache ist der Einzige, von dem ich den Eindruck habe, dass er die Jugendlichen versteht“, meint etwa die 18-jährige HTL-Schülerin Raffaela aus Perchtoldsdorf, die sich in einem der Cafés vor dem „Millennium“ soeben mit ihrer Freundin getroffen hat. „Außerdem finde ich, dass er von allen Kandidaten am besten aussieht“, ergänzt Veronika, die gleichaltrige AHS-Schülerin aus Mödling.

Die Exit-Polls vom Wahltag divergieren, zwischen 25 und 33 Prozent aller Wähler zwischen 16 und 30 Jahren haben blau gewählt. Repräsentative Daten für die Gruppe der Erstwähler existieren allerdings nicht. „Man kann jedoch davon ausgehen, dass mindestens jeder dritte Teenager die FPÖ gewählt hat“, so Peter Ulram, Chef-Demoskop bei GfK Austria.

Rechtsruck im Kinderzimmer? Alarmierende politische Radikalisierung unserer Teenager? „Sicher nicht, eher ein diffuser Protest gegen das Polit-Establishment“, so Ulram.

„Wenn wir Jungen irgendwann für unseren beruflichen Start Geld brauchen, ist dann plötzlich nichts mehr da“, orakelt der 17-jährige Strache-Fan Daniel in der Halbzeit einer Tischfußball-Partie. „Die jungen Leute haben schlicht und einfach Zukunftsangst“, bringt Ingrid Kromer, wissenschaftliche Leiterin des Österreichischen Instituts für Jugendforschung, die Gemütslage der „Generation prekär“ auf den Punkt. Es reiche weder, drei Sprachen zu können, um einen guten Job zu bekommen, noch fleißig zu sein, um eine Lehrstelle zu ergattern. „Wer hier Antworten geben kann, also Sicherheiten verspricht, egal ob realistisch oder nicht, punktet eher.“

„Kreiskys Erben sind Verräter, schon lang’ mehr keine Volksvertreter, es ist Zeit, endlich Zeit für die Gerechtigkeit, H.-C., viva H.-C., wir wollen H.-C., adios Che“, tönt’s selbstbewusst von der Strache-Homepage. „Seine Auftritte wirken jugendlich“, befindet Michael, der 18-jährige Tischlergeselle aus Wien. „Aber der Strache-Rap ist total bescheuert …“

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9.10.2008 13:00