Mittwoch, 8. Oktober 2008

USA und Europa vor der Wirtschaftsflaute:
IWF prognostiziert den Wachstumsstillstand

  • 0,2 Prozent für Europa und nur 0,1 Prozent für USA
  • "Angesichts der gefährlichsten Finanzkrise seit 30ern"

Kaum ein Tag ohne irgendeine Notaktion von Politik oder Notenbanken, Börsen rund um den Globus im freien Fall und kein rettendes Ufer in Sicht: Als hätte sich die Finanzkrise in den vergangen Wochen nicht schon dramatisch genug zugespitzt, stieß der Internationale Währungsfonds IWF jetzt auch noch das Tor zum Höllenfeuer auf.

Erst beziffert er die möglichen Verluste auf unvorstellbare 1,4 Billionen Dollar, am Mittwoch dann der nächste Schock - nach Einschätzung der Fonds-Experten taumelt die ganze Welt schon am Rande einer Rezession, wobei die Lage für die sogenannten reifen Volkswirtschaften weit düsterer aussieht als für einstige ökonomische Wackelkandidaten in den ärmeren Teilen der Erde. Und die Aussicht auf Besserung wird nur sehr verhalten formuliert.

Die Finanzkrise wird die Weltwirtschaft erheblich bremsen. Der IWF geht für 2009 nur noch von einem globalen Wachstum von 3,0 Prozent statt 3,9 Prozent aus. Das wäre der niedrigste Zuwachs seit sechs Jahren. "Angesichts der gefährlichsten Finanzkrise in etablierten Märkten seit den 30er Jahren beginnt für die Weltwirtschaft ein deutlicher Abschwung", hieß es in dem in Washington vorgestellten Ausblick. Bei einer Wachstumsrate von unter 3,0 Prozent spricht der IWF von einer Rezession.

Stagnation in Europa
So fällt auch die Aussicht für die Eurozone düster aus: Demnach halbiert sich das Wachstum in diesem Jahr gegenüber 2007 auf 1,3 Prozent, 2009 sollen es nur noch 0,2 Prozent sein. Die Wirtschaftsleistung Italiens und Spaniens wird laut Prognose im kommenden Jahr sogar um 0,2 Prozent schrumpfen.

Für Österreich hat der IWF seine Prognosen zurückgenommen und erwartet nun ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für 2009 von 0,8 Prozent und für heuer (2008) von 2,0 Prozent. Damit liegen die Prognosen des IWF unter jenen der heimischen Forschungsinstitute.

Der neue IWF-Chefökonom Olivier Blanchard hatte bei seinem ersten Auftritt auf einer Tagung des Fonds praktisch nur Hiobsbotschaften im Gepäck: Nullwachstum oder sogar schrumpfende Volkswirtschaften in der entwickelten Welt bis mindestens Mitte 2009 erwarten die Washingtoner Experten. "Wir stehen vor harten Zeiten", machte Blanchard die prekäre Lage am Mittwoch überdeutlich. Und es könnte noch weit schlimmer werden. Sollten die betroffenen Länder nicht umfassende Maßnahmen ins Werk setzen, "drohen noch deutlichere Folgen für das Wachstum als in unserer Prognose". Aber selbst wenn die Regierungen zu Hilfe eilen, sei die Gefahr einer gegenseitigen Verstärkung von Finanzkrise und abschmierender Realwirtschaft nicht vom Tisch.

Notaktionen zu spät
Einen Pfeil schoss Blanchard in Richtung der bisherigen finanz-und wirtschaftspolitischen Notaktionen: "Es ist ganz klar zu spät, dass die ergriffenen Schritte den Abschwung abwenden", sagte er. Doch immerhin könnten sie Schlimmeres verhindern. Wie zur Bestätigung des IWF-Experten verpuffte die koordinierte Zinssenkung rund um den Globus an den internationalen Aktienmärkten einfach. Dass weitere Lockerungen nötig werden, hält er für durchaus möglich. Aber zumindest der US-Notenbank geht zumindest an der Zinsfront nach der Senkung auf 1,5 Prozent allmählich die Munition aus. Nun steht die Fed nahe jenen Zinses, der Anfang des Jahrtausends als wichtige Ursache des US-Häuserbooms gilt - und der jetzigen Krise.

Nach Freude über Licht am Ende des Tunnels klang es indes nicht, dass der Währungsfonds schon für nächstes Jahr mit einer Erholung der schwer angeschlagenen Konjunktur rechnet. "Wenn sie kommt, dann wahrscheinlich sehr schrittweise", befinden die IWF-Ökonomen. Denn im Zentrum der Krise steht auch verlorenes Vertrauen, Furcht und Panik. "Jeder realistische Plan muss berücksichtigen, dass der Wiederaufbau von Vertrauen (...) seine Zeit dauern wird", meint Blanchard.

(apa/red)

8.10.2008 20:10