Mittwoch, 1. Oktober 2008

Keine Großbank wird kollabieren: EU-Pläne zur Sicherung europäischer Finanzmärkte

  • Juncker drängt USA zu 700-Mrd.-Rettungspaket
  • Barroso fordert Verschärfung der EU-Vorschriften

Die Regierungen der EU-Staaten werden nach Einschätzung von Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker in der Finanzkrise keine große Bank zusammenbrechen lassen. Europa brauche dafür kein Paket wie das, das derzeit in den USA geplant sei, sagte Juncker dem französischen Sender Europe 1. Die Auswirkungen der Turbulenzen seien wohl noch für Monate zu spüren. In Paris werden am Wochenende die größten Industriestaaten zusammentreffen und die Krise besprechen.

Zugleich rief Juncker die USA auf, den 700 Milliarden Dollar (489 Mrd. Euro) schweren Rettungsplan für die Finanzbranche anzunehmen. Der US-Senat stimmt über eine überarbeitete Version des Pakets ab, das am Montag im Repräsentantenhaus an der Ablehnung durch die Republikaner gescheitert war. Ein klares Ja des Senats dürfte den Druck auf das Repräsentantenhaus erhöhen.

Schärfere Vorschriften
EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso fordert unterdessen eine weitere Verschärfung der europäischen Vorschriften gefordert. Barroso verlangte in Brüssel eine "strukturierte europäische Reaktion" auf die Krise. Nötig sei "eine Stärkung der Überwachungsstrukturen auf europäischer Ebene", eine Anpassung der Buchhaltungsregeln an komplexe Strukturen und eine Verbesserung der Kohärenz der Einlagengarantiesysteme, sagte Barroso.

Als weiteren Punkt verwies Barroso auf die Entlohnung von Managern. Die EU-Kommission habe diesbezüglich bereits 2004 Empfehlungen abgegeben, sagte er. Außerdem müssten die EU-Staaten ihre Strukturreformen fortsetzen, denn "die reale Wirtschaft steht unter sehr hohem Druck". Es bedürfe einer sorgfältigen Aktion der europäischen Regierungen, sagte der Kommissionschef. Nur mit koordiniertem Handeln könne wieder Vertrauen in die Märkte aufgebaut werden. "Wir durchlaufen eine Krise, aber wir haben die Mittel, diese Krise zu überwinden." Fragen zu Spekulationen über Pläne für die Einrichtung eines europäischen Sicherungsfonds für europäische Banken wollte Barroso nicht beantworten.

EU steuert in die Rezession
Die Wirtschaft in der Eurozone wird nach Einschätzung der Eurogruppe im kommenden Jahr weniger stark wachsen als bisher angenommen. "Die Wachstumsvorhersagen für 2009 müssen nach unten korrigiert werden", sagte Juncker. Das Wachstum werde "um ein Prozent herum" liegen. Weltweit sei das Wirtschaftswachstum "in seinem Schwung gebremst", und in den großen Ländern der Eurozone - vor allem in Deutschland, Frankreich und Italien - verlangsame es sich auch, sagte Juncker.

EZB zieht Gelder ab
Die Europäische Zentralbank (EZB) will bis zu 200 Mrd. Euro aus dem Geldmarkt abziehen. Abgeschöpft werde zum Leitzinsniveau von 4,25 Prozent. Die EZB und andere Zentralbanken hatten in den vergangenen Tagen immer wieder Milliarden in den Geldmarkt gepumpt, um ein Austrocknen zu verhindern. Wegen der Finanzkrise leihen sich die Banken untereinander kaum noch Geld, die Zentralbanken halten deshalb das System am Laufen.

Wiener Börse öffnet sehr fest
Die Wiener Börse ist heute mit deutlichen Gewinnen in den Handel gestartet. Der ATX stieg bis 9.35 Uhr um 3,31 Prozent auf 2.859,45 Punkte. Bisher wurden 970.341 (Vortag: 976.112) Aktien gehandelt (Einfachzählung). Angetrieben wurden die Gewinne Händlern zufolge von der Hoffnung auf eine baldige Einigung auf das US-Bankenrettungspaket. Im Fall einer Einigung von US-Senat und Kongress auf das zuletzt gescheiterte Paket seien weitere starke Gewinne an den Börsen zu erwarten, hieß es.
(apa/red)

1.10.2008 13:10