Montag, 29. September 2008

Katzenjammer bei der Scuderia Ferrari:
Räikkönen gibt den Kampf um die WM auf

  • Massa nach Pannenshow bei Flutlicht punktelos
  • McLaren und Hamilton profitieren von Ferrari-Pech

Eine der außergewöhnlichsten Formel-1-Saisonen hat in Singapur eine neuerliche Wende bekommen, und Ferraris WM-Hoffnungen sehen nach der Flutlicht-Weltpremiere am Äquator eher düster aus. Auf dem besten Weg zum Doppelsieg und der WM-Führung für Felipe Massa leistete sich der erfolgreichste Rennstall der Formel 1 eine so peinliche Doppelnull, dass McLaren-Pilot Lewis Hamilton Platz drei reichte, um vor den drei letzten Rennen in Japan, China und Brasilien seine WM-Führung wieder auf sieben Punkte auszubauen.

Sieben verschiedene Gewinner in 15 von 18 Saisonrennen sprechen für sich. Und dennoch ging im ersten Nachtrennen der Formel-1-Geschichte auf dem Marina Bay Street Circuit der unerwartete Comeback-Sieg des Spaniers Fernando Alonso, der zwei Stunden vor Mitternacht wie heuer auch schon Hamilton (4 Siege), Massa (5), Räikkönen (2) Robert Kubica, Heikki Kovalainen und Sebastian Vettel (alle je 1) auf das oberste Treppchen steigen durfte, im vielleicht WM-entscheidenden Boxen-Drama um Ferrari unter.

"Ein schwarzer Tag für die Scuderia. Was schief gehen konnte, ging schief", gestand Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali, nachdem "Pole"-Mann Massa als 13. punktlos geblieben war und Räikkönen seinen auf Platz fünf liegenden Boliden vier Runden vor Schluss unbedrängt gegen die Mauer des neuen Stadtkurses geschmissen hatte. "Aber wir haben schon oft bewiesen, dass wir gerade in schweren Zeiten wiederauferstehen", gab Domenicali sofort auch wieder Kampfparolen im Namen der Italiener aus.

Piquet-Unfall als Auslöser
Auslöser der Negativ-Wende war ein Piquet-Unfall gewesen. Damit musste das Safety Car und das von Alex Wurz gesteuerte Medical Car auf die Strecke, und in der Boxengasse brach die übliche Hektik aus, weil viele Teams ihren Rennplan blitzartig änderten. Dabei verlor auch jener Boxenmann der "Roten" den Durchblick, der dem klar führenden Massa beim Tankstopp "Grün" und damit freie Fahrt gab, obwohl noch der Tankschlauch im F2008 des Brasilianers steckte. "Tank-Trottel vermasseln Massa die WM", titelte daher "Bild".

Die Mechaniker mussten ihrem Piloten bis ans andere Ende der Boxengasse nachlaufen, um den Pechvogel vom herausgerissenen und meterlangen Ungetüm wieder zu befreien. Der unmittelbar nach Massa hereingekommene Räikkönen verfolgte das alles erste Reihe fußfrei und zähneknirschend. Massa musste später auch noch eine Zeitstrafe absitzen, und ein Patschen im Finish vereitelte die letzte Chance auf WM-Zähler für den WM-Zweiten, der mit nur einem Punkt Rückstand nach Singapur gekommen war.

"Wir geben sicher nicht auf"
"So zu verlieren ist wirklich bitter. Ich hatte ein perfektes Auto und eine gute Strategie, und wir waren drauf und dran, einen Doppelsieg zu feiern", war Massa, der nach 15 von 18 WM-Läufen nun 77:84 Punkte hinter Hamilton liegt, zunächst fassungslos. "Sieben Punkte können viel aber auch wenig sein. Wir geben sicher nicht auf", gab sich der 27-jährige Paulista, der zu gerne als erster Brasilianer seit dem großen Ayrton Senna 1991 Weltmeister werden würde, aber bald wieder kampfeslustig. Den unglücklichen Mechaniker nahm er in Schutz. "Wir sind alle nur Menschen!"

Zumindest kann Massa im finalen Kampf gegen Hamilton auf einen prominenten Wasserträger bauen, denn der seit April sieglose Weltmeister Räikkönen hat bei 27 Punkten Rückstand den Kampf um den Titel aufgegeben. Doch ab sofort ist jedes Rennen ein "Endspiel", das ist bei der Scuderia aus Maranello jedem bewusst. "Wir müssen die Ärmel aufkrempeln. Es gibt noch viel Raum, um aufzuholen, aber keinen Platz mehr für Fehler", erklärte Ferrari-Chefstratege Luca Baldisseri zwei Wochen vor dem am 12. Oktober stattfindenden Japan-GP in Fuji den Ernst der Lage.

McLaren führt in Konstrukteurswertung
Bei McLaren jubelte man dagegen nicht nur über den glücklichen Ausbau der WM-Führung für Hamilton, sondern auch über die Eroberung von Platz eins in der Konstrukteurs-WM, einen Zähler (135:134) vor Ferrari. "Deshalb haben wir Lewis nach dem Aus von Räikkönen auch angewiesen, nicht mehr zu attackieren", gab sich Teamchef Ron Dennis einmal mehr als Stratege.

Der 23-jährige Hamilton wäre der erste britische Champion seit Damon Hill 1996, und der dunkelhäutige Engländer könnte schon in Fuji eine Vorentscheidung herbeiführen. Denn bei einem weiteren "Nuller" wäre wohl auch Massa weg vom Fenster. Hamilton war aber bewusst, wie viel Glück er bei der von 100.000 Zuschauern verfolgten und mit viel Lob überhäuften Nacht-Premiere in Singapur hatte. "Felipe war unheimlich schnell, und im Normalfall hätte ich wohl nicht mehr Punkte holen können als er. Also darf ich mich nicht darüber beschweren, wie das Rennen ausgegangen ist. Das WM-Finale wird eine Schlacht."

(apa/red)

29.9.2008 12:10
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