Verbissen, pathetisch und recht humorlos: Molterers schneller Abschied von ganz oben
- Seit langen Jahren eine große Nummer in der Partei
- Guter Ruf als "Personalchef" - Privatleben bedeckt

Wilhelm Molterer hat es überstanden. Nach dem historischen Debakel der ÖVP bei der sonntägigen Nationalratswahl ist es nach nicht einmal zwei Jahren mit dem Platz an der Sonne vorbei. Molterer muss als ÖVP-Chef abdanken, logische Konsequenz der Schlappe bei einer Wahl, die der Vizekanzler ohne wirkliche Not vom Zaun gebrochen hatte. Mit seinem Abgang dürfte die Ära Schüssel in der ÖVP endgültig vorbei sein.
Molterer galt auch vielen in der eigenen Partei nicht als der ideale Mann für ganz vorne. Nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen 2006 sollte er gar Karl-Heinz Grasser den Vizekanzler überlassen, obwohl dieser nicht einmal der ÖVP angehörte. Das war vor allem dem ÖAAB doch zu bunt, der alte Parteidiener durfte es an der Spitze versuchen.
Seit langen Jahren eine große Nummer
In der Partei war Molterer seit langen Jahren eine große Nummer, freilich lange im Schatten von Wolfgang Schüssel. Andererseits erschien es im letzten Jahrzehnt so, als ginge ohne Molterer in der ÖVP rein gar nichts. Der strebsame Allrounder war Minister, Generalsekretär und Klubobmann, ehe es ihn nach dem Schüssel-Rücktritt ganz nach oben verschlug. In der ÖVP war er da schon ewig Kronprinz, mehr noch der Strippenzieher und "Personalchef". Und er war immer treu an der Partei dran, was diese "Pater Willi" mit einem 97-Prozent-Votum bei seiner Wahl zum Chef der Volkspartei dankte.
Verbissen, pathetisch und humorlos
Das ist die eine Molterer-Seite, die andere ist sein Image nach außen. Der Finanzminister wirkt oft verbissen, pathetisch und humorlos, seine Persönlichkeitswerte in Umfragen sind schlecht. Mit ihm eine Wahl zu gewinnen, würde schwierig, wussten auch die eigenen Strategen. Nicht umsonst wurde der 53-Jährige am Beginn der Kampagne nicht einmal plakatiert. Manche glauben, die Neuwahlankündigung habe Molterer überhaupt nur ausgerufen, um seinen Kopf zu retten.
Guter Ruf als "Personalchef"
Seine Regierungsmannschaft hatte Molterer eigentlich ganz gut zusammengehalten, sieht man von Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky ab. Als Finanzminister punktete er selbst mehr mit dem in Rekordzeit erstellten Budget, weniger mit dem Finanzausgleich. Nicht allzu gut kam im Wahlkampf, dass er sich als strenger Sparmeister gerierte, dann seine Partei aber doch teuren Wahlzuckerl im Nationalrat zustimmte.
Seinen Ruf als "Personalchef" erarbeitete sich Molterer vor allem im ORF, in dem er als langjähriger Mediensprecher seinen Einfluss zu nutzen wusste, auch inhaltlich. Fast schon legendär wurde das von Kabarettist Alfred Dorfer erfundene "Moltofon". Er selbst neigt dazu, sich mit nicht allzu starken Persönlichkeiten zu umgeben, heißt es aus der Partei.
Wiewohl der Sierninger zum Hausmusik-Trio um Wolfgang Schüssel und Elisabeth Gehrer gehörte, ist es schwierig, den VP-Chef ins allzu konservative Eck zu stecken. Der Vizekanzler startete via Josef Pröll einen sanften Modernisierungsprozess der Partei - Stichwort Homo-Ehe -, mit dem er allerdings in den letzten Monaten stecken blieb. In seiner Jugend galt Molterer gar als revolutionär, als er in der katholischen Studentenunion als Linksabweichler auffiel. In den 70ern forderte er die Abschaffung des Bundesheeres und die Verstaatlichung des Gesundheitswesens.
Privatleben hält er von Öffentlichkeit zurück
Sein Privatleben hält er von der Öffentlichkeit zurück, Luxusurlaube sind von ihm ebenso wenig überliefert wie exotische Hobbys. Gerne sitzt er am Stammtisch in Sierning und geht in die Berge. Dafür dürfte jetzt mehr Zeit bleiben, als Molterer lieb ist.
Denn das Politische liegt dem scheidenden ÖVP-Chef schon im Blut, und das nicht nur, weil er mit seiner Geburt in Steyr am 14. Mai 1955 fast ein Staatsvertragsbaby war. Sein Onkel, bei dem er in Sierning aufwuchs und der ihn später (für Bauernfamilien nicht unüblich) adoptierte, saß für die Volkspartei im Nationalrat. Die politische Karriere des jungen Molterer begann bei der Hochschülerschaft. Nach dem Studium der Sozialwissenschaften in Linz arbeitete der ehemalige Landesmeister im Leistungspflügen im Büro von Landesrat Leopold Hofinger. 1987 übersiedelte er nach Wien und wurde Sekretär von Landwirtschaftsminister Josef Riegler. Dessen Nachfolger Franz Fischler machte Molterer zum Büroleiter. 1990 kam er in den Nationalrat, wurde Generalsekretär und 1994 Landwirtschaftsminister. Im Februar 2003 mutierte der verheiratete Vater von zwei Kindern zum Klubobmann, im Jänner 2007 zum Finanzminister und Vizekanzler, wenig später zum ÖVP-Obmann. Diesen Posten ist er nun flott wieder los geworden.
(apa/red)
