Angst vor der neuen Armut: Mehr als eine Million Österreicher sind armutsgefährdet
- NEWS: Die Teuerung ist österreichweit in aller Munde
- Nun fürchtet sich der Mittelstand vor der Schuldenfalle
Die Teuerung ist in aller Munde: zentrales Thema des Wahlkampfes, tägliche Qual beim Einkauf, schmerzvoller Börselgriff beim Tanken. Nichts beschäftigt so sehr die Gemüter der Nation wie die gestiegenen Lebensmittel-, Energie- oder Mietpreise. Was aber nunmehr hinzukommt: Längst ist auch die Mittelschicht der Österreicher akut von den explodierenden Preisen betroffen. Bei fast gleich bleibenden Nettolöhnen und gleichzeitig stark steigenden Lebenskosten gewinnen Märkte für sozial Bedürftige, wie der "Vinzi-Markt" oder der "SOMA", auch für die breite Masse immer mehr Bedeutung.
So wie etwa für die 21-jährige Studentin Lisa. Inklusive Familienbeihilfe und Zuverdienst stehen ihr im Monat rund 700 Euro zur Verfügung. Nach Abzug der Fixkosten bleiben ihr zum Leben nur noch mickrige 500 Euro. "Ich nutze bereits jede freie Minute, um mir etwas dazuzuverdienen, trotzdem reicht es oft hinten und vorne nicht", erzählt die gebürtige Oberösterreicherin frustriert.
Nach Angaben der Statistik Austria lag die Inflation im Juli bei 3,8 Prozent. Alleine ein Fünftel der Teuerung geht auf den Preisanstieg bei Nahrungsmitteln zurück. Binnen Jahresfrist wurden diese um satte 7,4 Prozent teurer - und das macht sich natürlich im Portemonnaie bemerkbar.
Lisa kauft daher ihre Lebensmittel im "Vinzi-Markt" ein - derzeit gibt es in ganz Österreich vier davon. Hier können Menschen die wichtigsten Nahrungsmittel zu einem stark verbilligten Preis erwerben. Wer nicht mehr als 800 Euro im Monat verdient, erhält dort einen Einkaufspass und kann künftig günstiger einkaufen. Der Sozialmarkt "SOMA" - österreichweit gibt es knapp 30 Filialen - handelt nach dem gleichen Prinzip. Möglich ist dies nur durch gespendete Waren und die Arbeit unzähliger freiwilliger Helfer.
Denn so wie Lisa geht es mittlerweile vielen Menschen in Österreich. Laut Statistik Austria sind rund 1,1 Millionen Menschen armutsgefährdet. Haben also weniger als 900 Euro im Monat zur Verfügung.
Leben von 450 Euro
Auch Anita und Franz J. haben Tag für Tag aufs Neue zu kämpfen. Das Ehepaar verbucht für sich und den gemeinsamen 18-jährigen Sohn, der noch im Haushalt lebt, ein Einkommen von 1.100 Euro. Nach Abzug der Miete bleiben nur rund 450 Euro zum Leben. Manchmal weiß die 47-Jährige deshalb oft nicht mehr weiter: "Alles wird ständig teurer. Jetzt kommt auch noch der Winter, und es muss geheizt werden. Die Wohnung ist eiskalt." Ihr Mann ist seit kurzem arbeitslos und auf Jobsuche. "Doch es scheint unmöglich, mit 49 noch etwas zu finden", so der gelernte Maurer nachdenklich.
Bei Helga K. ist die Situation sogar noch ein wenig ernster. Die ehemalige Prokuristin ist alleinstehend und zurzeit auch ohne Job. Ihr bleiben nach Abzug der Miete nur 350 Euro. "Alleine das Heizen ist so teuer, dass ich nicht weiß, wie ich das bezahlen soll", so die 54-Jährige. "Ich benutze nur mehr einen einzigen Raum in der Wohnung, um die Kosten einzudämmen", fügt sie leise hinzu. Auch sie kann sich bloß noch den Einkauf in einem Sozialmarkt leisten.
Inflation hausgemacht? Derzeit gibt es rund 750.000 Anträge auf Lohnpfändungen und 900.000 Gerichtsvollzugsanträge. Bedingt durch die steigenden Kosten, können nämlich viele Menschen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen und sind hoch verschuldet. Sieht man sich die Insolvenzstatistik der Creditreform für das 1. Halbjahr 2008 an, so hat die Zahl der Privatinsolvenzen um 12,7 Prozent zugenommen. Zusätzlich sind durch die Bankenkrise in den USA in Österreich die Kreditzinsen angestiegen. Ein Teufelskreis.
Inflation "hausgemacht"
Hier ist nun der Staat gefragt. Doch die Parteien scheinen sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben. Laut einem Gutachten der Bundeswettbewerbsbehörde ist nämlich ein wesentlicher Teil der Inflation "hausgemacht". Bedenklich, wenn man berücksichtigt, dass es seit 20 Jahren keine so starke Teuerung mehr gegeben hat. Der Ruf, dass die Regierung etwas gegen die steigenden Preise unternimmt, wird in der Bevölkerung daher immer lauter, und kaum ein Politiker traut sich ohne Strategie gegen die Inflation noch auf eine Wahlkampfveranstaltung.
Lesen Sie die ganze Story im aktuellen NEWS 39/08!


