Montag, 15. September 2008

Unterwegs in den Trümmern von "Ike": Das Leid der Rettungskräfte in Galveston

  • Polizisten im Einsatz: "Müssen die Nerven behalten"

Blake Patton legt die rechte Hand auf den Griff seiner Dienstpistole und ruft: "Ist da jemand?" Das Haus, das er und sein Polizeikollege Mustafa überprüfen sollen, scheint verlassen - aber man weiß ja nie. Patton, gedeckt von Mustafa, verschwindet auf dem Weg hinter dem Haus. Kurz darauf zerreißt ein Schuss die Stille.

Das Opfer ist ein Pitbull, der im hinteren Innenhof des Gebäudes eingesperrt war. "Er ging auf mich los, und ich hatte keine andere Wahl", erklärt der Polizist und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sein Vorgesetzter ist nicht zufrieden. "Wir müssen die Nerven behalten", sagt er. "In den nächsten Tagen werden wir viele extreme Situationen haben wie diese. Und noch schlimmere."

attons Vorgehen ist ein Beispiel dafür, wie die Helfer mit der schweren Aufgabe umgehen, Eingeschlossene zu retten, den Bedürftigsten zu helfen, Plünderer zu suchen und Schritt für Schritt eine Stadt wiederzubeleben, die durch den Hurrikan "Ike" zerstört wurde.

Patton ist Polizeibeamter in Galveston und hat zudem seine eigenen Probleme. Seine Wohnung wurde vom Wasser verwüstet, zu Trinken oder zu Essen gibt es da nichts mehr. Bis jetzt hat er wie die Mitglieder der politischen Spitze der Stadt im Hotel "San Luis" gewohnt - ebenso wie die Reporter, die während des Sturms auf der Insel geblieben waren. "Keine Ahnung, wann ich mal ein paar Stunden haben werde, um meine Angelegenheiten zu regeln. Hoffentlich bald."

Hunderte Männer im Einsatz
Die Polizisten des Touristenortes an der texanischen Golfküste sind aber nicht allein. Hunderte von Feuerwehrleuten aus anderen Staaten sind ihnen zu Hilfe geeilt, zusammen mit den Streitkräften, der Küstenwache und anderen. Die Zufahrt nach Galveston - eine vierspurige Autobahnbrücke, die von Insel zu Insel springt - ist nur noch für Polizei- und Rettungsfahrzeuge offen. Ununterbrochen reihen sich rote und blaue Blinklichter aneinander, die Kolonne bewegt sich auf der einzigen freien Spur, die nicht von den Trümmern des Sturmes bedeckt ist.

Die Rettungsarbeit ist leidvoll und geht den Helfern an die Nieren. Vor allem im historischen Zentrum von Galveston reicht das Wasser bis zur Hüfte. Nur die "Humvee"-Geländefahrzeuge der Armee erreichen die Häuser, in denen nach Überlebenden gesucht wird. Patton kann aus seinem bescheidenen Polizeiauto nur aus der Ferne zuschauen.

Unberechenbar sind die meisten Einsätze allemal, und deshalb haben die angespannten Beamten an diesem Tag auch das Leben des Pitbulls beendet. Wenn die Rettungskräfte in ein Haus oder in dessen Ruine gehen, wissen sie nicht, ob sie mit offenen Armen, mit Schüssen oder vom Geruch des Todes empfangen werden.

Zehntausende widersetzten sich Evakuierung
Überall ist die Zerstörung sichtbar, aber die Wirkung von "Ike" hat den jungen Polizisten nicht überrascht. "Das ist mehr oder weniger das, was ich erwartet habe", sagt Patton ernüchtert - und zeigt in der überfluteten Straße 40 auf sechs niedergebrannte Häuser, aus deren Ascheresten noch Rauch aufsteigt. Deshalb sei es auch "so frustrierend", jetzt nach Überlebenden suchen zu müssen, wie der Chef der örtlichen Einsatzkräfte, Steve LeBlanc, bedauert. Etliche zehntausend Texaner hatten sich den Evakuierungen widersetzt.

Aus Pattons Funkgerät kommt ein neuer Einsatzbefehl aus der Zentrale. Eine Bar am Meer ist angeblich ausgeraubt worden. Das ist das zweite Problem der Polizei und der Nationalgarde in Galveston: Plünderungen in der verlassenen Stadt.

Plünderungen an Tagesordnung
Dieses Mal ist Pattons Blick fester, der Polizeiwagen fährt schneller. Aber als er zur "Patio Bar" kommt, besinnt er sich des Rates seines Vorgesetzten und beruhigt sich. Er bremst seinen Kollegen, der schon zu dem Gewehr greifen wollte, das zwischen den Männern im Auto aufgestellt ist. Es war nur ein falscher Alarm.

Kurz darauf sollen die Beiden beim Abtransport eines Kranken in der Nähe des Broadway helfen, der zentralen Straße der Stadt, auf der ein großer Hubschrauber steht. Als dieser mit dem Kranken an Bord in die Luft steigt, bringen seine Rotoren die noch intakten Strommasten und Dächer in der Umgebung zum Zittern.

Müde geht Patton zu seinem Auto zurück. Seit vergangenem Donnerstag arbeitet er fast rund um die Uhr. Und in der Nacht muss er noch das Ausgehverbot überwachen. Seine Familie ist vor der Ankunft des Hurrikans ins Landesinnere geflohen. Mit seinem Kollegen Mustafa wechselt er kaum noch ein Wort - es gibt nicht mehr viel zu sagen.

(apa/red)

15.9.2008 13:24