Sonntag, 21. September 2008

Bekritzeln von Wahlplakaten hat Saison: Urheber vom Schüler bis hin zum Rentner

  • Verschiedene Formen von Verfremdung anzutreffen
  • Graffitiexperte Siegl: "Breit gefächertes Spektrum"

Wahlplakate erfüllen nicht nur ihre Funktion als Verbreitungsmedium für Botschaften der Politiker, auch Bürger nutzen diese Oberfläche zur Kommunikation. Durch Aufkleber, Graffiti oder andere Verfremdungen werden die ursprünglichen Botschaften verändert und konterkariert. Das Spektrum der Urheber "erstreckt sich vom 80-jährigen Rentner bis zum sechsjährigen Schüler", so Norbert Siegl vom Institut für Graffiti-Forschung (ifg).

"Zu keiner Zeit des Jahres beteiligen sich so viele Menschen an Interventionen im öffentlichen Raum wie im Wahlkampf", erklärt Siegl. Die Motivation reiche dabei von spontanen Aktionen, etwa beim Warten auf die Straßenbahn, bis zu geplantem Vorgehen mit Konzept. Einzelne Gruppen würden auch von politischen Parteien ausgeschickt, um gezielt gegnerische Plakate zu attackieren. Besonders häufig anzutreffen ist das "Schwärzen" der Gesichter. Dabei werden die Gesichtszüge komplett übermalt oder nur gewisse Partien, wie Augen, Mund oder Nase, verunstaltet.

Politische und demokratische Anteilnahme
"Politische und demokratische Anteilnahme" trifft laut Siegl besonders Parteien mit "extremeren Ansichten und Botschaften". Ein Beispiel aus dem aktuellen Wahlkampf wäre ein FPÖ-Sujet, dessen Spruch "Jetzt geht's um uns Österreicher" zu "Jetzt geht's um Reiche" überklebt wurde. BZÖ-Spitzenkandidat Jörg Haider wiederum ist vermehrt mit der Bezeichnung "Lügner" oder einem Hitler-Bart versehen worden.

Aber auch die regierenden Parteien werden von derartiger Kritik nicht ausgespart. So wurde etwa Vizekanzler Wilhelm Molterer mit dem Spruch "Wir mögen dich nicht" bedacht, der auf Plakaten über seine Stirn geschrieben wurde, während Aufkleber den SPÖ-Spitzenkandidaten Werner Faymann als Marionette der "Kronen Zeitung" darstellen.

Weniger heftig attackiert werden Parteien, die "niemanden interessieren" und "langweilige Sujets" haben, so Siegl. Die aktuelle Plakatkampagne der Grünen sei dafür ein Beispiel, findet der Graffitiexperte. Seiner Meinung nach korrespondiert dies auch mit dem tatsächlichen Wahlverhalten, da "heftig attackierte Parteien beziehungsweise jene, die viele aufregen" besser abschneiden würden.

(apa/red)

21.9.2008 10:26