Willkommen im Land, das es gar nicht gibt:
NEWS bereiste Transnistrien in Osteuropa
- Transnistrien verharrt bis heute in Sowjet-Nostalgie
- Omnipräsenter Konzern treibt Modernisierung voran

Lenin-Büsten, Russendisco und Sowjet-Nostalgie. Das österreichische Außenministerium warnt vor Reisen nach Transnistrien. In ein Land, das vor 18 Jahren, als die Sowjetunion zu zerfallen begann, seine Unabhängigkeit erklärte. Seither gibt es die Pridnestrowische Moldawische Republik (PMR), wie sie sich selbst nennt, und seither hat sie kein einziger Staat anerkannt - nicht einmal Russland und schon gar nicht Moldawien. Doch nach dem Krieg um Abchasien und Südossetien, bislang ebenso Separatistenstaaten wie die PMR, hofft man nun auf ein Ende der Ächtung.
Die Fahrt durch Transnistrien geht über die kaum befahrene Hauptstraße in Richtung Tiraspol. Das Handysignal wird schwächer, das Roaming aus dem moldawischen Netz weist kaum noch Empfang auf. "GSM kannst du hier vergessen", sagt Fahrer Sascha, "die Moldawier blockieren es, also haben wir unser eigenes Netz, etwas, das es sonst nur in Nordkorea gibt." In der Tat funkt Interdnestrcom auf einer 800-MHz-Frequenz, die Einheimischen mit Handys aus Fernost Telefonieren im Land ermöglicht, Anrufe ins Ausland aber - die Führung dankt - ausschließt. Und Ausländer - sie und ihre Handys sind endgültig im schwarzen Loch Europas angekommen.
Sowjetstern bei Stadteinfahrt
Dafür grüßt der Sowjetstern an der Einfahrt in die Hauptstadt Tiraspol, die mit 160.000 Einwohnern etwas größer als Salzburg ist. Statt Mozart gibt es hier Lenin - ob aus rotem Granit gehauen wie beim Präsidentenpalast, als monumentale Büste vor dem Obersten Sowjet oder als schlichter Straßenname an der Kreuzung mit der Karl-Marx-Allee.
Gezahlt wird hier mit dem transnistrischen Rubel, der im neuen Gebäude der Nationalbank fleißig gedruckt wird. Nachdem vor ein paar Jahren drei Nullen einer allzu horrenden Inflation zum Opfer fielen, freut man sich nun über Preisstabilität und zahlt die Löhne, die im Durchschnitt 100 Euro im Monat betragen, pünktlich aus.
Hüftenschwingende Pionierinnen
Wie angesichts solcher Einkünfte abends in der Disco "Plazma" mit knappen Minis bekleidete Mädchen den Kauf von Energy-Drinks aus dem Alpenland à drei Euro finanzieren, bleibt dennoch ein Rätsel. Dort dröhnt die Musik, die aus Moskau kommt, auf ein Publikum ein, das sich genauso gut in Mailand oder Madrid befinden könnte. Die brave Pionierin, die untertags noch die rote Fahne schwang, schwingt nun die Hüften im hautengen Catsuit. Bizarr?
Nicht in Transnistrien, einem Land, das auf den ersten Blick wie in der kommunistischen Zeitkapsel stecken geblieben scheint, dann aber die KP in die Opposition verbannt, während sie im benachbarten Moldawien den Präsidenten stellt. Dort, auf der anderen Seite des Dnjestr, vermuten die Transnistrier auch den Ursprung "der Lügen, die über unser Land verbreitet werden", wie Vadim, Moderator beim staatlichen Radio, sagt: "Sie behaupten, wir seien Schmuggler oder arme Schlucker, dabei sind sie es, die ihren Staat, trotz internationaler Anerkennung, seit seinem Bestehen immer tiefer in den Abgrund stürzen."
Ähnlich sieht es Vladimir Yastrebchak, der NEWS zum Interview bittet. Er ist zwar Außenminister, doch kann er kaum irgendwo hinfahren, denn für ihn gilt, so wie auch für alle anderen Regierungsmitglieder, ein Einreiseverbot in die EU-Staaten. Trotzdem wirkt er nicht verbittert, sagt, "dass wir, solange uns Moldawien nicht als gleichwertigen Verhandlungspartner betrachtet, weiterhin unsere Unabhängigkeit und eine eventuelle spätere Eingliederung in Russland verfolgen". Er versteht auch nicht, weshalb die EU dem Kosovo die Unabhängigkeit zugestand, "mit uns aber nicht einmal spricht".
Ein omnipräsenter Konzern
Besonderen Drang zur Kommunikation verspürt man ebenso wenig beim transnistrischen Konzern Sheriff. Dessen gelber Stern scheint den roten im Land langsam abzulösen. Sheriff, das ist TV, genauso wie Tankstellen, Banken, Spielcasinos und Supermärkte - und zwar flächendeckend, womit Sheriff fast so omnipräsent ist wie die Miliz auf den Straßen.
Vor den Toren Tiraspols hat der Konzern Sheriff, der TV ebenso wie Tankstellen, Banken, Spielcasinos und Supermärkte bettreibt, vor die zerbröselnden Plattenbauten ein höchst modernes Fußballstadion mit feinstem englischem Rasen, überdachter Trainingshalle und acht Außenanlagen gepflanzt. So verwundert es nicht, dass der FC Sheriff Jahr für Jahr die weiterhin mit Moldawien gemeinsam ausgetragene Meisterschaft gewinnt. Deren Nationalkicker müssen zu Länderspielen übrigens nach Tiraspol fahren -denn das einzige UEFA-taugliche Stadion steht in der abtrünnigen Republik Transnistrien.
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