Mittwoch, 3. September 2008

Jack Unterwegers letzte Geheimnisse

  • Amerikanischer Autor über den Frauenmörder

Ein amerikanischer Autor liefert nun neue Erkenntnisse über Österreichs berühmtesten Frauenmörder.

Es war der 20. April 1994, als im Landesgericht Graz der Prozess zu einem
der aufsehenerregendsten Fälle der österreichischen Kriminalgeschichte begann. Hunderte Besucher, hauptsächlich Frauen, hatten sich schon seit den frühen Morgenstunden vor dem Amtsgebäude postiert, um einen Platz in dem Verhandlungssaal zu ergattern, den Angeklagten, den einige wenige für eine „Bestie in Menschengestalt“ und viele für unschuldig, für ein Justizopfer hielten, endlich einmal „wirklich“, und nicht nur auf Bildern im Fernsehen oder in den Zeitungen, sehen zu können.

Wie Jack Unterwegers ganzes Leben war also auch das Verfahren, das über sein Schicksal entscheiden würde, zur Show geworden. „Bestie“ – oder „Justizopfer“? Dementsprechend sein Auftritt: Seriös gekleidet, in einem dunkelgrauen zweireihigen Anzug, darunter ein hellblaues Hemd und eine dezent gemusterte Krawatte, stellte er sich den wartenden Fotografen und Kameraleuten, lächelte sie schüchtern und doch gleichzeitig siegessicher an. Sein bubenhafter Charme, seine Überzeugungskraft, dessen war er sich gewiss, würde ihm auch diesmal helfen, zu gewinnen, den größten Kampf, den er jemals geführt hatte, denn jetzt ging es um „alles oder nichts“.

Angeklagt wegen elffachen Mords. Die Beschuldigung lautete auf elffachen Prostituiertenmord; Indizien gab es viele, Beweise kaum. Letztlich, das wusste der damals 44-Jährige, würden bloß die Empfindungen der Geschworenen ausschlaggebend sein. Darum galt es – vor allem –, diese acht Menschen für sich einzunehmen. Und dieser „Meister der Manipulation“ – wie Gerichtspsychiater Reinhard Haller Jack Unterweger bezeichnet (siehe Interview Kasten rechts) – dachte tatsächlich, es wäre möglich, „es“ zu schaffen. Freigesprochen zu werden.
„Vier von ihnen“, so war er nach einer ersten Analyse der Betreffenden sicher, „sind gegen, zwei für mich, zwei sind sich nicht sicher. Sie muss, sie kann ich für mich gewinnen …“

„Meine Damen und Herren Geschworenen“, erklärte er in seinem ersten Verteidigungsplädoyer, „wir sind jetzt für die nächsten zwei Monate zusammen, und ich möchte kein steriler Schauspieler sein. Ich möchte es mit Ihnen so haben wie im Kaffeehaus. Falls Sie Fragen haben, stellen Sie sie bitte, und ich werde Ihnen auf alles, wirklich alles, Antwort geben. Sehen Sie, ich habe den großen Vorteil, dass ich nichts zu verbergen habe, da ich nicht der Mörder bin. Wenn Sie mich bei einer Lüge erwischen, dann verurteilen Sie mich …“

Fakt ist: Jack Unterweger wurde am 29. Juni 1994 schuldig gesprochen. Die wichtigste Schlacht seines Lebens hatte er damit verloren, seine Überzeugungskraft hatte – zum ersten Mal – gänzlich versagt. Noch in derselben Nacht beging er in seiner Zelle Suizid. Aber die Mythen leben weiter. Jack Unterweger: Mit seinem Freitod leben die Mythen um ihn weiter. So kompliziert seine Psyche war, so komplex gestaltete sich schließlich auch sein Fall. War er „eine Bestie in Menschengestalt“? War er ein „Justizopfer“? Wer war ER? John Leake, ein 37-jähriger Texaner, Politikwissenschaftler, der 2000 zu Studienzwecken nach Wien übersiedelte – „und von dieser Stadt“, wie er sagt, „seitdem nicht mehr loskam“ –, ist all diesen Fragen in davor noch nicht da gewesener Weise nachgegangen. Und veröffentlicht nun seine umfangreichen Recherchen in einem 400 Seiten langen „Dokuroman“ – „Der Mann aus dem Fegefeuer“. Viereinhalb Jahre lang hat der Autor Jack Unterwegers Seele durchleuchtet, all die zu der Causa vorliegenden Polizei- und Gerichtsakten gelesen, mit den Ermittlern gesprochen, mit den Psychologen, die ihn betreuten, dem Psychiater, der ihn begutachtete, mit Hunderten Menschen, die ihn kannten, mit Frauen, die mit ihm in engen Beziehungen standen. Leake spürte Personen auf, die nicht einmal die Fahnder jemals verhört haben. Unternahm Reisen zu den Tatorten – drei davon lagen in den USA, einer in Tschechien –, „vernahm“ unzählige Zeugen. Ging sämtlichen Spuren nach, die Jack Unterweger hinterlassen hatte.

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3.9.2008 16:14