Wut in Kabul über zivile Opfer bei Razzia: Zwei Kleinkinder & Erwachsene erschossen
- US-Razzia mit Hilfe von afghanischem Geheimdienst
- Demonstranten blockierten Hauptverbindungsstraße

Hunderte Afghanen sind in einem Vorort von Kabul aus Wut über die angebliche Tötung zweier Kleinkinder bei einer Razzia ausländischer Soldaten auf die Straße gegangen. Die Demonstranten blockierten mit brennenden Autoreifen die Hauptverbindungsstraße nach Jalalabad. Sie zeigten Journalisten die blutigen Leichen der knapp zwei Jahre alten Kinder, die zusammen mit ihrem Vater und einer Frau bei einem Einsatz erschossen worden sein sollen. "Ausländische Einheiten" hätten das Haus angegriffen, sagte Mohammed Naweed aus dem Ort Hoodchail der Nachrichtenagentur AFP. Die Razzia am östlichen Rand der Hauptstadt sei von US-Soldaten mit Unterstützung afghanischer Geheimdienstagenten durchgeführt worden, erklärte ein Polizeisprecher. Die US-geführten Koalitionstruppen und die NATO bestritten, in den Vorfall verwickelt zu sein.
Der Tod der Zivilpersonen dürfte die Beziehungen zwischen Einheimischen und ausländischen Truppen weiter belasten. Naweed sagte, dass die Soldaten das Eingangstor des Hauses aufgesprengt und das Feuer eröffnet hätten. Anschließend seien drei Männer abgeführt worden. Örtliche Fernsehsender zeigten Bilder von klagenden Frauen, die neben den Leichen standen und den Rücktritt von Präsident Hamid Karzai forderten. Ein NATO-Sprecher sagte, es gebe keine Anzeichen, dass Soldaten der NATO-geführten ISAF an dem Angriff beteiligt gewesen seien. Erst in der vergangenen Woche waren bei einem US-Luftangriff in der Westprovinz Herat nach UN-Angaben 90 Zivilisten getötet worden, darunter 60 Kinder. Bei einem Zwischenfall an einer Straßensperre mit deutschen NATO-Soldaten wurden drei Zivilisten, darunter zwei Kinder, erschossen.
Kritik von Karzai
In Afghanistan wurden nach Angaben der Regierung und von Hilfsorganisationen in diesem Jahr bereits mehr als 500 Zivilisten bei Militäreinsätzen getötet. Präsident Karzai hatte nach den jüngsten Aktionen der US-geführten Koalition mit zahlreichen zivilen Todesopfern in ungewöhnlich scharfer Form eine Überprüfung der ausländischen Truppenpräsenz angeordnet.
NATO dementiert
Die NATO erklärte, ihr lägen glaubwürdige Informationen vor, wonach die Taliban planten, die internationalen Truppen fälschlicherweise der Tötung von bis zu 70 Zivilpersonen im Bezirk Sangin in der Provinz Helmand zu beschuldigen. Das Bündnis gab außerdem bekannt, seine Truppen hätten mehr als 20 verletzten Zivilpersonen geholfen, die in zwei Stützpunkten in Helmand erschienen seien. Die Zivilpersonen seien bei zwei Zwischenfällen mit Aufständischen verwundet worden. Aufständische hätten das Dorf Sarewan Kaleh und drei Frauen sowie eine nicht genannte Zahl Kinder getötet, erklärte die NATO unter Berufung auf einen der Verwundeten. Dieser habe angegeben, die Aufständischen hätten ihm vor ihrer Flucht in beide Knie geschossen. Von unabhängiger Seite konnten die Angaben nicht bestätigt werden, von den afghanischen Behörden lag dazu nichts vor. Die NATO erklärte, sie verurteile, dass "das Leid unschuldiger Zivilisten" von Aufständischen für Propagandazwecke genutzt werde.
Anschlag auf Bundeswehr-Soldaten
In Nordafghanistan ist der dritte Anschlag binnen weniger Tage auf deutsche Bundeswehr-Soldaten verübt worden. Verletzt worden sei niemand, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. Ein 29 Jahre alter Hauptfeldwebel sei bei einem Anschlag nahe Kunduz getötet worden. Der deutsche Bundestag entscheidet Anfang Oktober über eine Verlängerung des Bundeswehrmandats in Afghanistan. Ab Herbst sollten schätzungsweise 4200 Mann im Rahmen der NATO-geführten ISAF-Truppe in dem Land stationiert sein. Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich in den vergangenen Monaten kontinuierlich verschlechtert. Nach dem neuesten Bericht des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London droht Afghanistan der Zerfall, sollten die NATO-Truppen es nicht schaffen, die Taliban niederzuringen, die zum "Heiligen Krieg" gegen die Fremden im Land und gegen die Kabuler Regierung aufgerufen haben. Auch der frühere deutsche ISAF-Stabschef General Bruno Kasdorf hatte erklärt, es bestehe "ganz konkret" die Gefahr, dass die afghanische Bevölkerung zu den Taliban überlaufe.
(apa/red)
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