Montag, 1. September 2008

Mladic angeblich in Serbien lokalisiert:
Verhandlung über Festnahme oder Aufgabe

  • Laut Zeitungsbericht bereits vor drei Wochen entdeckt
  • Ex-Militärchef derzeit nicht bereit, sich selbst zu stellen

Der als mutmaßlicher Kriegsverbrecher gesuchte ehemalige Militärchef der bosnische Serben, Ratko Mladic, ist laut einem Zeitungsbericht bereits vor rund drei Wochen in Serbien lokalisiert worden. Derzeit versuche der serbische Geheimdienst, Mladic zu einer freiwilligen Aufgabe zu überreden, berichtete die serbische Tageszeitung "Glas javnosti". Das Blatt berief sich dabei auf eine gut informierte Quelle aus Geheimdienstkreisen des serbischen Sicherheitsapparats.

Eine Verhaftung scheint den serbischen Behörden aber mit einem sehr hohen Risiko verbunden zu sein. Auch herrsche Ungewissheit über mögliche Reaktionen der Öffentlichkeit. Daher soll Mladic überzeugt werden, sich selbst zu stellen. Auch die in Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Landesteiles (Republika Srpska) in Bosnien-Herzegowina, erscheinende Zeitung "Glas Srpske" berichtete, dass der einstige Militärchef mit dem serbischen Geheimdienst in Kontakt stehe.

"Kommt und verhaftet mich!"
Vorerst soll Mladic aber nicht bereit sein, von sich aus den ersten Schritt zu tun. "Kommt und verhaftet mich!" - Das soll er laut der "Glas Srpske" gesagt haben. Die Behörden in Belgrad streben aber angeblich weiter danach, dass sich Mladic ohne Probleme selbst dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stellt. Serbien wolle seiner Flucht jedenfalls ein Ende bereiten, hieß es in der Zeitung. Details zu einer möglichen Auslieferung nannte sie nicht.

Gerüchte über eine baldige Festnahme von Mladic hatte auch die frühere UNO-Chefanklägerin Carla del Ponte genährt. Sie sei überzeugt, dass nach dem ehemaligen bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadzic auch Mladic verhaftet werde, wurde Del Ponte von der "Südostschweiz am Sonntag" zitiert: "Der Wille in Serbien scheint dafür vorhanden zu sein". Del Ponte war bis 2007 Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag. Aktuell ist sie Botschafterin der Schweiz in Argentinien.

Die Anklage des UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) wirft Mladic wie auch Karadzic im Zusammenhang mit dem Massaker in Srebrenica 1995 Genozid sowie weitere Kriegserbrechen während des Bosnien-Krieges (1992-1995) vor.

Mladic lebte nach Kriegsende jahrelang in Belgrad
Anders als sein politischer Chef Karadzic hatte Ex-General Mladic offenbar nach Kriegsende jahrelang in Belgrad gelebt und war erst 2002 untergetaucht. Eine Zeitlang versteckte er sich daraufhin in serbischen Militäranlagen, dann wohnte er in Mietwohnungen in Belgrad, wie später bekannt wurde. Karadzic war am 21. Juli in Belgrad festgenommen worden.

Bei seinem zweiten Auftritt vor dem Tribunal hätte Karadzic in elf Anklagepunkten auf schuldig oder nicht-schuldig plädieren sollen. Er verweigerte jedoch auf die Frage nach seiner Schuld erneut die Aussage. Dies wertet das Gericht automatisch als "nicht schuldig". Damit kommt es im Fall Karadzic zum Prozess, der aber aller Voraussicht nach erst in einigen Monaten beginnen wird.

Das Massaker von Srebrenica gilt als größtes Verbrechen in Europa nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Truppen der bosnischen Serben unter dem Kommando von Oberbefehlshaber Mladic nahmen die muslimische Enklave im Osten Bosniens an der Grenze zu Serbien am 11. Juli 1995 ein. In den Folgetagen wurden bis zu 8.000 bosnische Muslime ermordet.

(apa/red)

1.9.2008 10:40