Nach Sydney 1996 und Athen 2004: Anja
Richter peilt ihr drittes Olympia-Finale an
- Wasserspringerin wird mit offenen Augen fliegen
- "Niveau bei Wettkämpfen ist hier extrem hoch"

Die Wienerin Anja Richter springt heute um ihr drittes Olympia-Finale vom Turm. Die beste österreichische Wasserspringerin war im Zeichen der Fünf Ringe beereits zweimal im Endkampf, 1996 in Atlanta wurde sie Elfte und 2000 in Sydney gar Siebente. Das Semifinale der Top 18 geht am Donnerstag ab 4.00 Uhr MESZ in Szene, die Medaillen werden am gleichen Tag ab 14.00 Uhr MESZ vergeben.
"Ich glaube schon, dass ich sehr, sehr gut in Form bin. Das Finale ist mein Ziel." Sechs bis sieben Athletinnen seien bessere Springerinnen als sie, was aber nicht heißt, dass sie vom Rest des Feldes nicht besiegt werden können. "Alle anderen der insgesamt 29 Athletinnen hätten ebenfalls das Zeug dazu, ins Finale zu kommen."
Auch eine Springerin von der Erfahrung und mit dem Niveau von Richter muss da aufpassen, nicht schon im Vorkampf auszuscheiden. "Das Niveau bei den Wettkämpfen hier ist extrem hoch", merkte die 30-Jährige an. "Das 3-m-Finale der Damen zum Beispiel war ein Wahnsinn." Und auch im Vorkampf der Herren vom 3-m-Brett ging ja schon die Post ab. Richter: "Ich muss mir noch Gedanken machen, warum das Niveau derart hoch gegangen ist."
Zum Eingewöhnen nach Peking
Ausgiebiges Training am Wettkampfort ist im Wasserspringen eine unbedingte Voraussetzung für einen guten Wettkampf. Das zählt viel mehr als es bei den Schwimmern der Fall ist, da jede Sprunganlage andere Eigenheiten hat. "Daher sind wir auch nicht ins ÖOC-Camp nach Hongkong gefahren,", erklärt OSV-Cheftrainer Michael Worisch, "sondern gleich zum Eingewöhnen auf die Anlage nach Peking."
Vom Weltcup im Februar in der chinesischen Hauptstadt ist der "Water Cube" den Top-Athleten schon bekannt gewesen, er bietet für die Springer optimale Voraussetzungen. Besonders wichtig sind da die diversen Farbabstufungen an den Wänden, sie dienen ihr während der Flugphase zur Orientierung. "Man orientiert sich auch an den Farben", erklärt Richter. "Man hat die Augen offen und ich zähle auch zusätzlich mit."
Bauchfleck mit geschlossenen Augen
"Wenn man einen Sprung mit geschlossenen Augen machen würde, würde man bestimmt einen Bauchfleck machen", gibt Richter Einblick in ihren recht komplexen Sport. Der Vorteil im "Water Cube" ist, dass er viele Orientierungspunkte für die Athleten bietet. "In der Stadthalle zum Beispiel ist es nur rot, rot, rot, blau. Hier ist es aber ziemlich bunt. Die Decke hat eine andere Farbe als das Wasser und die Wand ist überhaupt bunt."
Die SU-Wien-Athletin hat durch die farbliche Differenzierung vor allem bei ihrem Rückwärtssprung eine sehr große Hilfe. "Jeder halbe Salto ist ein Orientierungspunkt." Die Flugphase beträgt eineinhalb Sekunden. Da ist es für den Laien schwierig vorstellbar, wie sich ein Athlet in so kurzer Zeit am Farblichen helfen kann. "Bewusst sieht man nicht alles. Viele Sachen sieht man unbewusst. Es sind Reize unterhalb der Wahrnehmungsgrenze."
14-jähriges "Wunderkind"
Richter glaubt, dass der junge Brite Thomas Daley besonders empfänglich für diese Reize ist. Der erst 14-Jährige ist im März in Eindhoven noch 13-jährig sensationell Europameister geworden, er tritt bei Olympia vom Turm in Aktion. "Der lebt von diesen Dingen. Er nimmt alles komplett anders wahr", meint Richter. "Für ihn ist ein Salto langsamer als für einen normalen Menschen. Deswegen kann er besser reagieren."
Der Teenager ist eine sportliche Ausnahmeerscheinung und könnte in seinem Sportlerleben durchaus auf sechs Olympia-Teilnahmen kommen, dabei äußerst erfolgreich sein. Für Richter hat Daley von der Natur mehr mitbekommen als die meisten anderen. "Irgendetwas haben diese Sportler, was andere nicht haben. Ich glaube auch, dass der Michael Phelps irgendein Gen hat, das andere nicht haben." (apa/red)