Tibetischer US-Journalist durfte nicht zu
Spiele: IOC fordert von China Aufklärung
- Sprecherin Davies äußerte erstmals Unzufriedenheit
- Keine der 77 geplanten Demonstrationen genehmigt

Tolle Organisation, Reizthema Menschenrechte: Sechs Tage vor dem Schlusspfiff in Peking zeichnet sich mehr als deutlich ab, dass der Grundkonflikt dieser Olympischen Spiele nicht mehr gelöst werden wird. IOC-Sprecherin Giselle Davies lobte den reibungslosen Ablauf der Spiele in den höchsten Tönen, ließ aber viel deutlicher als bisher auch Unzufriedenheit erkennen: Unzufriedenheit über nicht eingehaltene Zusagen Chinas in Sachen Meinungsfreiheit.
Davies bat das Pekinger Organisationskomitee BOCOG um Aufklärung über das Schicksal der chinesischen Bürger, die Protestkundgebungen in Peking anmelden wollten. "Wir hätten gerne so viel Transparenz wie möglich", sagte die Sprecherin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bestimmt, aber höflich. Dass die Antwort die Kritiker der Spiele zufrieden stellt, darf bezweifelt werden.
Wenige Stunden später verbreitete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua die Zahlen: 149 Bürger wollten 77 Demonstrationen anmelden. Keine einzige wurde zugelassen. 74 Anträge hätten die Bürger selbst "zurückgezogen", meldete das Sprachrohr der chinesischen Regierung. Zwei Anträge seien unvollständig gewesen, nur einer wurde auch formell abgelehnt. Nach Angaben von Menschenrechtlern hat die chinesische Polizei in mehreren Fällen unzufriedene Bürger festgenommen, bevor sie ihre Anträge überhaupt stellen konnten. Eine abgewiesene Bürgerin sagte, die Behörden hätten von ihr die Rücknahme ihres Antrags verlangt, um ihn nicht formell ablehnen zu müssen.
"Wir haben keine Antwort"
In ungewohnter Offenheit ließ IOC-Sprecherin Davies zudem durchblicken, dass das IOC bei den chinesischen Behörden auf Granit beißt. Seit Tagen wolle das IOC wissen, warum ein tibetischer US-Journalist nicht nach China einreisen durfte, obwohl er eine IOC-Akkreditierung erhalten hatte. "Wir haben keine Antwort", räumte Davies nach dem Ende der Pressekonferenz in einer Runde mit mehreren Journalisten ein. Schon bei der Internet-Zensur hatte China das IOC auflaufen lassen. Missliebige Seiten blieben gesperrt, obwohl das IOC mehrfach auf Freigabe gedrängt hatte.
Davies betonte jedoch auch, dass die Chinesen in Sachen Organisation unübertroffen seien. Sogar die täglichen Koordinierungssitzungen des IOC mit dem chinesischen Olympia-Organisationskomitee BOCOG finden nicht mehr statt - weil alles so gut läuft. "Das reflektiert die sehr entspannte und glückliche Position des IOC, was den Erfolg dieser Spiele betrifft", sagte Davies.
China beschuldigt Journalisten
Das ändert aber nichts daran, dass der reibungslose Ablauf immer wieder von politischen Fragen beeinträchtigt wird. Ärger ließ mittlerweile auch das chinesische Organisationskomitee BOCOG erkennen: Generalsekretär Wang Wei beschuldigte ausländische Journalisten: "Sie verstehen die Situation Chinas nicht." Die Chinesen seien glücklich und blickten zuversichtlich in die Zukunft. Und daher - offenbar um weiteren Ärger zu vermeiden - werde es in der zweiten und letzten Olympia-Woche weniger gemeinsame Pressekonferenzen von IOC und BOCOG geben. "Die meisten Fragen betreffen nicht die Spiele", betonte Wang. (apa/red)