Montag, 18. August 2008

'So schnell wie möglich ins Team einfügen':
Paul Scharner will Vorbehalte ausräumen

  • Einsicht: 'Vergangenheitsbewältigung extrem nötig'
  • Zufriedenheit über hohe Legionärs-Anzahl im Kader

Nach zweijähriger Abwesenheit ist Paul Scharner in den Kreis der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft zurückgekehrt. Der England-Legionär, der nachnominiert worden war, zeigte unmittelbar nach seiner Ankunft im Team-Hotel Hilton Vienna Danube die Bereitschaft, mit seinen Spieler-Kollegen viele Gespräche zu führen, um Vorbehalte seiner Person gegenüber auszuräumen.

"Natürlich ist eine Vergangenheitsbewältigung extrem nötig. Ich bin gesprächsbereit. Wenn Aussprachen vonnöten sind, werde ich sie selbstverständlich führen", kündigte Scharner an und meinte außerdem: "Jetzt muss ich mich einmal so schnell wie möglich ins Teamgefüge einfügen."

Nach seinem 15. und bisher jüngsten ÖFB-Auftritt beim 1:2 in Graz gegen Ungarn im August 2006 hatte Scharner mit Hinweis auf das dürftige Niveau der Auswahl seinen Abschied erklärt. Schon im Herbst des Vorjahres bat er um sein Comeback - nach eigenen Angaben aufgrund seiner Etablierung in der Premier League und seiner persönlichen Weiterentwicklung.

Für Aufhauser eingesprungen
Allerdings lehnte der damalige Teamchef Josef Hickersberger ab, wodurch der dreifache Familienvater bei der EURO 2008 nur Zuschauer war. Brückner ("Ich war überrascht, dass so großes Interesse um die Nominierung war"), der ursprünglich mit einer Einberufung des Niederösterreichers noch bis zu den ersten beiden WM-Quali-Partien im September gegen Frankreich und Litauen hatte warten wollen, setzt nach der verletzungsbedingten Absage von Rene Aufhauser nun schon in der ersten Partie seiner Amtszeit auf den Wigan-Kicker.

"Ich freue mich, dass es funktioniert hat und ich jetzt schon zurück bin", meinte Scharner, der am Samstagabend nach der ersten Premier-League-Runde mit Wigan (der Niederösterreicher wurde beim 1:2 auswärts gegen West Ham in der 83. Minute ausgetauscht) von Andreas Herzog über seine Nachnominierung informiert worden war.

Probleme mit der Nase
Seine Knöchelverletzung, die ihn während der Vorbereitungsphase zu einer mehrtägigen Pause gezwungen hatte, hat Scharner mittlerweile überwunden, dafür spürt er noch etwas die Folgen seiner schmerzhaften Nasenbehandlung vor rund zwei Monaten. "Ich sollte eigentlich noch eine Schutzmaske tragen, aber sie hat mir nicht den Schutz geboten, den ich erhofft habe." Deswegen habe er gegen West Ham darauf verzichtet und werde dies auch weiterhin tun, auch wenn er gegen den Verein aus London "gleich am Anfang drei auf die Nase gekriegt habe", wie der 15-fache Internationale erzählte.

Gegen West Ham war Scharner wie schon in der vergangenen Saison als Innenverteidiger im Einsatz, gegen Italien könnte er die Rolle von Aufhauser im zentralen defensiven Mittelfeld übernehmen. "Was meine Position betrifft, kann ich keine Ansprüche stellen, denn ich war ja zwei Jahre weg. Letztlich entscheidet der Teamchef, wo ich spiele", betonte der Ex-Austrianer, der sich von den "Veilchen" verabschieden musste, nachdem er im Herbst 2003 unter dem nunmehrigen deutschen Teamchef Joachim Löw seine Einwechslung als rechter Mittelfeldspieler verweigert hatte.

Diese Episode will Scharner aber ebenso hinter sich lassen wie die Unstimmigkeiten mit einigen ÖFB-Kollegen. "Die Mission EM ist abgeschlossen, jetzt beginnt eine neue Mission mit einem neuen Teamchef." Das Duell mit dem vierfachen Weltmeister kommt dem England-Legionär da gerade recht. "Das ist ein tolles Spiel. Gleich gegen den Weltmeister zu spielen ist eine große Herausforderung und ein guter Test im Hinblick auf die WM-Qualifikation."

"Je mehr Legionäre, desto höher wird das Level"
Gegen Del Piero und Co. rechnet sich Scharner auch aufgrund der Leistungen Österreichs bei der Heim-EM Chancen aus. "Die Mannschaft konnte bei der EURO körperlich absolut mithalten. Wenn wir an der Offensive und an unserer Entschlossenheit vor dem Tor arbeiten, ist einiges möglich." Positiv stimmt den Niederösterreicher auch die Tatsache, dass gleich 14 der aktuellen 20 Kader-Mitglieder ihr Brot im Ausland verdienen. "Je mehr Legionäre man hat, desto höher wird das Level."

Außerdem könne man dadurch den Klasseunterschied zu anderen Nationalmannschaften nicht mehr mit dem Hinweis auf das niedrige Niveau der heimischen Bundesliga begründen. "Die Ausredemöglichkeiten werden immer weniger", behauptete Scharner.
(apa/red)

18.8.2008 14:10