Portisch über die US-Wahl: "McCain fehlt Charisma, aber er könnte trotzdem siegen"
- NEWS: Polit-Experte analysiert Duell Obama/McCain
- "Barack Obama könnte weltweit Hoffnung vermitteln"

·Heißes Kopf-an-Kopf Rennen bei US-Wahlen
Obama und McCain liegen
laut Umfrage gleichauf
·Obama und McCain treten gemeinsam auf
Mega-Kirche als Kulisse für den US-Wahlkampf
·GRAFIK: Bewerber um US-Präsidentschaft
Programme von Obama und McCain im Vergleich
Die Zeit arbeitet gegen Barack Obama. Sein komfortabler Vorsprung gegenüber John McCain schmilzt. Just zum Start der heißen Wahlkampfphase gehen jetzt alle Meinungsforscher von einem sehr knappen Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem 47-jährigen Demokraten und dem - bald - 72-jährigen Republikaner aus. Im NEWS spricht Hugo Portisch über die US-Präsidentenwahlen und erklärt warum McCain Vorteile hat.
NEWS: Für das Versprechen eines neuen Stils der US-Außenpolitik, lieben die Europäer Obama. Wie erklären Sie sich die Faszination?
Portisch: 200.000 Menschen jubelten ihm in Berlin zu, in Frankreich ist er populärer als Präsident Sarkozy. Ich sehe darin eine Antwort Europas auf die katastrophale Politik der Regierung Bush, auf die Lügen, mit denen der Irak-Krieg erklärt wurde, Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen, auf die Heuchelei, mit der Guantánamo samt Folter und die Einschränkung der Bürgerrechte in den USA begründet wurden. Willkürlich hat Bush internationale Verträge gebrochen oder für die USA außer Kraft gesetzt. Das reicht vom Kioto-Protokoll über die Ablehnung des Internationalen Gerichtshofs bis zum Ausstieg aus dem Antiraketenvertrag.
NEWS: Also steckt hinter der "Obamania" die etwas naive Hoffung auf eine bessere Welt?
Portisch: Der Jubel für Obama ist ein Aufschrei: Hoffentlich gibt es wieder ein anderes Amerika, eine Rückkehr zur gemeinsamen internationalen Verantwortung.
NEWS: Sehen das die amerikanischen Wähler auch so?
Portisch: Mit dem Wort "change" verspricht Obama den Amerikanern den Wandel, die Abkehr von der Bush-Politik. Doch derzeit reicht dies nicht für einen Vorsprung, Obama liegt in den Meinungsumfragen Kopf an Kopf mit McCain.
NEWS: Warum nur so knapp?
Portisch: Obwohl Obama mit Charme und Eloquenz auch viele Amerikaner begeistert, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass etwa 25 Prozent der weißen Amerikaner immer noch Vorurteile gegenüber Farbigen hegen. Daher Obamas Bemühen, zu beweisen, dass er keineswegs nur ein Präsident der Schwarzen sein wird. Das wieder kann ihn um einen Teil der Sympathien bringen, die naturgemäß die Schwarzen für ihn hegen. Wesentlich schwerer wiegt aber der Konflikt mit Hillary Clinton.
NEWS: Sein Rivale John McCain hat hingegen das Manko, dass er für die Fortsetzung des "Systems Bush" steht.
Portisch: Auch McCain weiß, dass eine Mehrheit der Amerikaner von der Bush-Regierung die Nase voll hat.
NEWS: Ein radikaler Bruch mit Bush fehlt aber. Vielmehr haben die beiden innerparteilichen Kontrahenten jetzt öffentlich das Kriegsbeil begraben.
Portisch: McCain muss - so wie Obama nach der Schlammschlacht mit Hillary - danach trachten, die republikanischen Wähler geschlos-sen hinter sich zu scharen. Also auch jene, die Bushs Politik ganz wesentlich unterstützt haben, die christliche Rechte wie auch Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes: Diese mächtige Einflusssphäre reicht von der Erdöl- und Rüstungsindustrie bis hin zu konservativen Medien.
NEWS: Bedeutet das, McCain würde, so er gewinnt, die Bush-Linie fortsetzen - gleich, was er jetzt verspricht?
Portisch: Für den Wahlkampf bedeutet dies einmal, dass er diese Kreise nicht verärgern darf. Es bedeutet nicht unbedingt, dass er als Präsident deren Wünsche so erfüllen würde, wie dies Bush getan hat. Allerdings ist McCain geprägt von seinen Erfahrungen im Vietnamkrieg. Er war fünf Jahre in kommunistischer Gefangenschaft und kehrte in ein Amerika heim, das diesen Krieg verloren hatte. McCain ist davon überzeugt, dass der Vietnamkrieg von den USA zu gewinnen gewesen wäre, hätte man durchgehalten. McCain will daher den Krieg in Irak "bis zum Sieg" führen. Jede frühzeitige Aufgabe wäre eine Niederlage mit schlimmen Folge für die USA, nicht nur im Nahen Osten, sondern auch für ihr Ansehen in der Welt.
NEWS: Also kommt mit McCain eine Neuauflage Bushs mit härteren Bandagen?
Portisch: Nicht ganz. Auch für McCain ist wie für Obama die enge Kooperation mit den Verbündeten und die Überbrückung der Kluft zu Europa ein zentrales Anliegen. Dennoch behält sich McCain sehr deutlich den Einsatz militärischer Mittel zur Abwendung einer unmittelbaren Gefahr vor; etwa gegen den Iran.
NEWS: Könnte er so gewinnen?
Portisch: Möglich ist das durchaus. Viele Amerikaner, die eigentlich gegen den Krieg im Irak sind und Bush deswegen verurteilen, wünschen sich dennoch, dass der Krieg wenigstens gewonnen wird, wenn man ihn auch gar nicht hätte anfangen dürfen. Da stimmen sie mit McCain überein. Viele glauben auch, dass Verhandlungen mit dem "Feind", so wie sie Obama in Aussicht stellt - etwa mit dem Iran oder Syrien -, den Gegner stärken könnten.
NEWS: Wie würde sich Amerika verändern, wenn Obama oder McCain das Land regieren?
Portisch: Obama könnte den Amerikanern vor allem wieder den Optimismus zurückbringen, ihren Glauben, gemeinsam alle Probleme bewältigen zu können. Etwa wie John F. Kennedy, der nicht nur den Amerikanern, sondern den Menschen weltweit Hoffnung und Glauben an eine bessere Zukunft vermitteln konnte. Mc Cain fehlt dieses Charisma.
Das ganze Interview lesen Sie im NEWS 34/08!
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