Freitag, 22. August 2008

Passagiere wollten vor Start aussteigen: Durften Unglücks-Flieger nicht verlassen

  • Angehörige gaben in Panik verfasste SMS weiter
  • Madrid: Weiter Unklarheit über Absturz-Ursache

Nach dem Absturz eines Spanair-Flugzeugs auf dem Flughafen von Madrid herrscht noch immer Unklarheit über die Ursache des Unglücks. Zu den letzten Minuten der Katastrophe werden nun aber immer mehr und schockierende Details bekannt. Die Besatzung hat mehreren nach technischen Problemen besorgten Passagieren den Ausstieg verweigert. Angehörige des bei dem Unglück getöteten Ruben Santana erklärten dieser habe in seiner letzten SMS-Nachricht geschrieben: "Sie lassen uns nicht raus, alles ist geschlossen".

Die Frau des Mannes hatte demnach Santana zum Ausstieg gedrängt, nachdem er ihr telefonisch von der Verspätung des Spanair-Fluges wegen technischer Probleme berichtet hatte. Laut der spanichen Zeitung "ABC" wurde auch mehreren weiteren Passagieren vor dem verhängnisvollen Start der gewünschte Ausstieg verwehrt. Die Entscheidung darüber trifft in der Regel der Pilot.

Santana berichtete nach Schilderungen seines Sohnes vor dem Unglück auch, der Pilot habe wegen eines Schadens im linken Triebwerk nicht abheben wollen. Die Maschine war nach Angaben von Spanair vor dem Start wegen eines überhitzten Luftschachts unter dem Cockpit zum Gate zurückgekehrt. Diese Panne wurde nach Angaben der Fluggesellschaft behoben.

Suche nach Unglücks-Ursache läuft
Experten sagten unterdessen, nicht ein Fehler allein, sondern eine Kette von Fehlern müsse die Katastrophe mit 153 Toten ausgelöst haben. Berichte, wonach das linke Triebwerk kurz nach dem Start in Flammen aufging, wurden nicht bestätigt.

Spanische Zeitungen berichteten unter Berufung auf Ermittler, die Videoaufnahmen der spanischen Flughafenbehörde Aena gesichtet haben, dass das Triebwerk des Spanair-Flugzeugs beim Start nicht brannte. Das Flugzeug habe abgehoben, sei dann abgestürzt und habe erst am Boden Feuer gefangen, berichtete die Tageszeitung "El País". Zuvor hatten Augenzeugen gesagt, das linke Triebwerk sei beim Start in Flammen aufgegangen.

Die Zeitung "El Mundo" berichtete unter Berufung auf Vertreter der Zivilluftfahrt, Teile des linken Triebwerks hätten sich gelöst und das Seitenruder der Heckflosse der MD-82 beschädigt. Dadurch sei die Maschine aus dem Gleichgewicht gekommen und abgestürzt.

Der Leiter der spanischen Zivilluftfahrtbehörde, Manuel Bautista, sagte "El País", es müsse mehr als eine Ursache für den Absturz gegeben haben. Ein defektes Triebwerk allein könne nicht der Grund sein. Auch der Vorsitzende der spanischen Pilotengewerkschaft Sepla und Spanair-Pilot José Maria Vazquez nahm seine Fluglinie in Schutz. Es sei "ungeheuerlich", den Unfall mit der wirtschaftlichen Lage der Fluglinie in Verbindung zu bringen, sagte er "El País". Er habe niemals Druck auf die Piloten erlebt. Außerdem habe Spanair in 20 Jahren nie einen Unfall gehabt.

(apa/red)

22.8.2008 15:54