Natascha Kampusch zwei Jahre nach der Flucht: 'Hoffe, ich muss mich nicht fürchten'
- Mehr als acht Jahre verbrachte sie in einem Verlies
- Entführungsopfer entkam am 23. 8. 2006 Priklopil

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Der Tag der Flucht Natascha Kampuschs von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil jährt sich heute zum zweiten Mal. Als Zehnjährige wurde die Wienerin von dem Techniker auf dem Schulweg entführt und mehr als acht Jahre in einem Kellerverlies im niederösterreichischen Strasshof gefangen gehalten. Am 23. August 2006 gelang es der heute 20-Jährigen, ihrem Peiniger zu entkommen.
Priklopil nahm sich daraufhin das Leben. In den vergangenen Monaten sorgte ihr Entführungsfall vor allem durch Hinweise auf mögliche Ermittlungspannen und die kürzlich gestartete Talkshow der jungen Frau für Schlagzeilen. Im Folgenden Auszüge eines APA-Interviews mit Natascha Kampusch:
Frau Kampusch, der Tag ihrer Flucht jährt sich in einigen Tagen. Wie gehen Sie auf dieses Datum zu, wie geht es Ihnen beim Gedanken daran?
Kampusch: Ich hoffe, ich muss mich nicht fürchten - aber ganz normal. Ich kann das Gefühl schwer beschreiben. Aber, das weiß ich dann, wenn der Tag stattfindet. Wenn ich in der Früh aufwache und mir denke, das ist der Tag, dann denk ich dran. Und wenn ich in der Früh aufwache und mir denke, ich muss einkaufen oder was anderes tun, dann denke ich nicht daran. Es hat mich aber am Anfang des Monats schon irgendwie am Rande beschäftigt.
Da ich fast jeden Tag einschneidende Erlebnisse mitmache, ist es halt ein einschneidendes Erlebnis von vielen. Zwischenmenschliches, die äußeren Umstände ändern sich, Eindrücke, die ich gewinne - das alles sind einschneidende Erlebnisse für mich - Entscheidungen, die ich treffen muss, soll und darf. Es ist so, dass jeder Bereich, jedes Erlebnis seinen Raum hat, und dass das zu unterschiedlichen Zeiten wichtiger ist oder eben nicht.
In letzter Zeit haben verschiedene Ereignisse ihre Entführung wieder ins Rampenlicht rücken lassen - Hinweise auf eine Ermittlungspanne, die Einrichtung einer Untersuchungskommission bzw. Evaluierung. Wie geht es Ihnen damit?
Kampusch: Ja, heuer war wieder einiges los. Ich kann das alles aber zum Glück aus einer gewissen Distanz betrachten und mein Alltag wird dadurch nicht mehr so sehr beeinträchtigt. Es betrifft mich immer noch, aber nicht mehr so unmittelbar. Es betrifft die Sache und von der kann ich mich distanzieren.
Trifft das auch auf den Moment zu, in dem Sie erfahren haben, dass die Ermittler möglicherweise einen Fehler gemacht haben könnten und Sie schneller gefunden worden wären?
Kampusch: Das ist mir schon sehr nahe gegangen, zumal ich mir ja auch die ganze Zeit erhofft hatte in den ersten Wochen, dass die Polizei kommen würde. Was mich dann noch so gestört hat: Bei meinem Wiederauftauchen haben sich alle so beweihräuchert nach dem Motto "Wir haben sie gefunden" und in Wirklichkeit habe ich Kontakt mit der Polizei aufgenommen. Ich weiß nicht, die haben mich irgendwie total seltsam behandelt.
Sie wussten nicht, wer ich bin. Ich hatte zu der Dame gesagt, die mir auch nur widerwillig geholfen hat, dass sie die Polizei anrufen soll und dass sie ohne Polizeiauto kommen sollen. Aber okay, wer glaubt schon irgendwem, der anruft.
Sie waren ja vor einigen Tagen gemeinsam mit Mario Max Schaumberg-Lippe bei den Salzburger Festspielen, danach hat es sofort Berichte über Sie gegeben nach dem Motto "gemeinsam in einer romantischen Kutsche" oder "Stargast Natascha Kampusch". Wie ist das für Sie?
Kampusch: Also, es war eine private Einladung des Dr. Mario Max von Schaumburg-Lippe und ich wollte immer schon den Jedermann sehen und dachte mir, das ist eine gute Gelegenheit. Salzburg ist eine interessante Stadt, auch kulturell, Peter Simonischek ist ein ausgezeichneter Schauspieler und die Bühne dort ist auch fantastisch. Ich wollt mir das einfach nicht entgehen lassen. Da gab es eben diese Einladung, ich habe zugesagt. Ich kannte ihn (Schaumburg-Lippe Anm.) vorher nicht, ich habe ihn im Fernsehen gesehen und mit ihm telefoniert. Mir ging es einfach und allein um Salzburg und den "Jedermann".
Genauso wie ihr Schicksal hat auch der Inzestfall in Amstetten international große Aufregung verursacht. Wie geht es Ihnen, wenn so etwas geschieht und bekannt wird?
Kampusch: Natürlich kommen an verschiedensten Stellen verschiedenste Emotionen hoch. Es lässt mich nicht kalt. Und seltsamerweise sind das immer so Sachen, wo man sich denkt, eigentlich sollte man darüber stehen oder eigentlich trifft mich das nicht. Also dieser Fall in Amstetten - ich war schon sehr betroffen, als ich das erfahren habe. Vor allem die Bilder von dem Eingang, wo sie eingesperrt waren - wie der das gemacht hat und die Vorstellung, dass da nicht nur eine Person eingesperrt war, sondern gleich mehrere, die dort unten gelebt haben. Das war schon schlimm. Und dass das niemand bemerkt hat, obwohl sie sogar Lärm gemacht haben.
Inwiefern ist die Sendung "Natascha Kampusch trifft..." für Sie eine Möglichkeit aus der Opferrolle herauszukommen und Ihre Persönlichkeit zu zeigen?
Kampusch: Das ist es schon, dadurch, dass man einfach diesen Spieß umdreht. Ich muss sagen seit der ersten Sendungen sehen mich Journalisten auch ganz anders und behandeln mich auch ganz anders. Es fällt ihnen nicht mehr so leicht mich als Studienobjekt auf den Objektträger zu quetschen und einzuspannen und unter dem Mikroskop zu betrachten. Teilweise sind sie respektloser, weil sie sich denken, das ist ja eine Kollegin. Vorher war ich eben die Versuchsratte mit der man alles Mögliche machen kann, wie man will. Also der Umgang ist ein anderer geworden.
Sie haben gerade Sommerferien - wie sieht es im Moment mir Ihrer Ausbildung und Prüfungsplänen aus?
Kampusch: Die Hauptschule hab ich noch nicht abgeschlossen. Im September geht es wieder los mit der Schule. Also ich habe schon Pläne die Matura zu machen und eventuell etwas zu studieren. Wobei ich noch nicht genau weiß, was ich machen möchte. Eventuell etwas in Richtung Kunst gehendes. Den Führerschein mache ich auch gerade. Ich lasse mir da sehr viel Zeit, ich hatte so viel zu tun in letzter Zeit. Nur kein Hetzen, ich bin ja noch sehr jung und hab ja noch die nächsten 80 Jahre Zeit für alles. Ich plane auch, mich außerhalb Wiens zu bewegen und da ist es schon wichtig, dass man ein Auto hat, um gewisse Baumaterialien oder so etwas zu transportieren.
Sie reisen gerne und wollen verschiedene Länder kennenlernen. Hatten Sie dazu im vergangenen Jahr schon Gelegenheit?
Kampusch: Nein, das plane ich jetzt. Am Anfang war ich eher befangen und ängstlich. Es ist schön, man kommt in ein anderes Bundesland oder in ein anderes Land. Und dann startet man vom Hotel aus und besichtigt etwas oder unternimmt etwas, erledigt Besorgungen. Und das Faszinierende ist, man fügt sich in jede Stadt auch relativ schnell ein, also ich zumindest. Manchmal ist es nett, wenn man Sightseeing macht. Eine Reise nach Berlin habe ich immer noch vor. Berlin ist interessant, die Mauerfragmente. Ja und ich schwärme für Design und Architektur überhaupt. Ich sehe mir gerne schöne Gebäude an und ich liebe Formen. Ich muss sagen, von meinen Prüfungen mochte ich die, die mit Geometrie zu tun hatten, am liebsten.
(apa)
