NEWS-Reportage: Georgien unter Feuer
- Wie ein Regionalkonflikt einen Krieg entfachte

Georgiens Armee zerfällt, die Bevölkerung flieht in Panik. Die NEWS-Reportage aus dem Kaukasus.
Seine Lippen zittern. Über das aschfahle Gesicht des jungen Soldaten strömt Schweiß, es könnten auch Tränen sein. Die Russen überrennen uns. Wir können nicht mehr. Wir brauchen Hilfe von Amerika, fleht er und schreit: Meine Freunde sind tot. Alle. In Stücke gerissen. Ich habs gesehen. Tage- und nächtelang war er wie alle der ingesamt 20.000 Soldaten der kleinen georgischen Armee im Einsatz gegen die Supermacht Russland. Südossetien ist verloren, möglicherweise auch die Region Abchasien. Seine Panik schürt jedoch eine tiefere Angst: Vielleicht war der Blitzkrieg Anfang vom Ende Georgiens. Der Militärarzt Amiran Machastopuria steht in der Allee vor dem Spital der Stadt Gori hilflos neben dem jungen Soldaten, dessen Panik nicht abebben will. Wir haben gelernt, wie schwach wir sind. Viele Soldaten sind tot. Fast fünfhundert liegen hier, zum Großteil sind sie schwer verletzt, kommentiert er leise die grassierende Verzweiflung. Er deutet auf einen Aushang am Spitalstor: die Liste der Toten und der Schwerverletzten. Die Bomben. Die vielen Bomben, stammelt er. Wenn die Russen wollen, könnten sie Gori in einer halben Stunde, das Land in einem Tag einnehmen, sagt ein anderer Soldat, der namenlos bleiben möchte. Sie überrennen uns, sagt der junge Soldat wieder, jetzt leise. Der Trupp von Sanitätern wirkt wie gelähmt von Müdigkeit. Schicksalsergeben warten sie auf den nächsten Angriff, um dann weitere Tote und Verletzte aus Trümmern zu holen. Die ausgebombten Leute zu versorgen ist der letzte Schutz, den die georgische Armee ihren Landsleuten hier in der 70.000-Einwohnerstadt noch bieten kann.
Der überwiegende Teil der Armee hat die Kräfte auf einen Verteidigungsring um die Hauptstadt Tiflis konzentriert. Im wehrlosen Gori tobt indes ein Luft- und Nervenkrieg, der die entscheidenden Weichen für den Krieg stellen kann. Will Russland nicht bloß Südossetien, sondern auch diese zentralgeorgische Stadt einnehmen? Wenn ja, wäre es der nächste Eskalationsschritt. Der Kreml spielt gezielt mit diesen Ängsten. Der Aggressor ist bestraft, sagte Russlands Präsident Dimitri Medwedew am Dienstag und kündigte das Ende der Kämpfe an. Stunden später fielen wieder Bomben auf Gori.
100.000 auf der Flucht. Achtzig Prozent der Einwohner sind zu Beginn dieser Woche geflohen. Die Russen haben ihre Panzer schon rund um unsere Stadt eingegraben. Unsere Soldaten sind weg. Ich habe die Lichter der Tankkolonnen gesehen, sagt Roza Mangoshvili atemlos. Die Mutter von zwei Töchtern wartet auf einem verwaisten Boulevard Goris auf ihren Bruder, der sie aufs Land bringen soll. Die kleinste Tochter trägt ihr Ballettkostüm von der letzten Aufführung: ihren größten Schatz. Ihre Mutter schleppt in großen Taschen Kleidung, Krautköpfe und Öl. Ich werde nicht hier sein, wenn die Russen kommen und uns umbringen, schimpft sie. Die haben doch das alles geplant, um uns zu erobern. Das war doch ihr einziges Interesse, sagt sie und murmelt leise Flüche in Richtung der gigantischen Stalin-Statue, die hier, an seinem Geburtsort, an den Diktator erinnert. Wenige Stunden nach dem Gespräch mit Roza Mangoshvili werden erneute Angriffe auf Gori gemeldet. Diesmal trifft es einen Straßenzug neben der Statue Stalins: Fünf Menschen sterben im Granatenhagel.
Insgesamt dürften in dem Krieg bis zu 3.000 Menschen ihr Leben verloren haben (eine von unabhängigen Quellen bestätigte Opferzahl steht aus). Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen flohen 100.000 Menschen, 30.000 werden von Hilfskräften des Welternährungsprogrammes derzeit mit Notrationen zum Überleben versorgt.
Doch bekannt ist nur ein Bruchteil der humanitären Katastrophe. Über die Lage der Zivilbevölkerung in Südossetien, wo sich paramilitärische Kräfte tagelang brutale Schlachten liefern, gibt es kaum gesicherte Informationen. Nur Berichte einzelner Flüchtlinge. Darunter jenen von Zura Kiteshvili, einer Frau aus einem Dorf nahe Zchinwali. Sie bricht im Gespräch mit NEWS mehrmals schreiend zusammen, als sie (siehe rechts) vom Erlebten erzählt. In der Hauptstadt Tiflis treffen erste Flüchtling ein und geraten in einen Mix aus Nervosität, gepaart mit lauten nationalistischen Kundgebungen. Auch hier flogen Russlands Jets Angriffe: auf Militäranlagen, aber auch auf Apartmentblocks. Selbst der internationale Flughafen geriet ins Visier.
Die Straße vom Airport ins Zentrum von Tiflis wurde übrigens erst vor wenigen Jahren neu getauft: George-W.-Bush-Boulevard nennt sich die mehrspurige Autobahn. Es ist ein Indiz, wie sehr Georgien auf die USA setzt. Die Aussicht auf eine NATO-Mitgliedschaft des ehemaligen Teils der UdSSR rief allerdings schon heuer im Frühling die russische Führung auf den Plan. Njet, tönte dazu Wladimir Putin und verglich einen solchen Plan der auch die Ukraine umfasste mit der Kuba-Krise.
Petra Ramsauer, Tiflis/Gori
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