Freitag, 15. August 2008

Das Ende des Job-Wunders: Trendwende
am Arbeitsmarkt wurde jetzt eingeläutet

  • Zahl der Stellen sinkt, 2009 steigt die Arbeitslosigkeit
  • FORMAT: Weltweit schwächt sich die Konjunktur ab

Der Schritt sei „notwendig, um konkurrenzfähig zu bleiben“, meint Monika Kircher-Kohl, die Chefin von Infineon in Österreich. Eine „rein betriebswirtschaftliche Entscheidung“ nennt es der Österreich-Geschäftsführer des Sitzgurteherstellers TRW, Hermann Hauser. „Wir müssen die Fakten zur Kenntnis nehmen“, sagt Glanzstoff-Boss Helmut Stalf. Die Folgen dieser drei „Fakten“ und „Schritte“: mehr als tausend verlorene Arbeitsplätze in Österreich. Von der Industrie bis hin zum Handel, von Paradeunternehmen wie Siemens und Swarovski bis hin zu Kleinbetrieben: Überall wackeln Jobs.

Und das ist neu. Mehr als zwei Jahre lang erlebte Österreich ein wahres Jobwunder: 30-mal in Folge durften Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und das Arbeitsmarktservice (AMS) Rekordzahlen vermelden, die Zahl der offenen Stellen stieg stetig. „Das ist nun vorbei“, sagt Johannes Kopf, Leiter des AMS. „Das Jobwunder neigt sich dem Ende zu. Zwar sinkt die Arbeitslosigkeit derzeit noch – doch 2009 wird sie steigen.“

Das zeigen die Frühwarnzeichen: Im Juli sank erstmals die Zahl der offenen Stellen, der Trend hält im August an. Bei älteren Arbeitnehmern steigt die Arbeitslosigkeit schon seit ein paar Monaten, bei den Jüngsten sinkt sie kaum mehr. Und die Leiharbeitsunternehmen merken die sinkende Nachfrage nach Arbeitskräften schon deutlich. „Vor allem vonseiten der Industrie und des Baus gehen die Kundenanfragen zurück“, sagt Irmgard Prosinger von der Zeitarbeitsfirma Trenkwalder. „Das ist beunruhigend, denn wir haben heuer immer noch mehr Arbeitslose als im Jahr 2000“, gibt Josef Wallner von der AK zu bedenken. Rudolf Kaske von der Dienstleistungsgewerkschaft vida sagt: „Am Arbeitsmarkt kommen Probleme auf uns zu.“

Konjunktur schwächt sich weltweit ab
Das Ende des Job-Booms ist kein österreichisches Phänomen. Spanien ist nach sieben Jahren Wirtschaftswunder an die letzte Stelle der EU-Länder gerutscht – die Arbeitslosenquote ist mit 10,7 Prozent schon höher als in der Slowakei, dem langjährigen Schlusslicht. Regierungschef José Luis Zapatero bietet nun Migranten ein Flugticket und eine Prämie an, wenn sie das sinkende Schiff verlassen, Hunderttausende Lateinamerikaner kehren in ihre Heimat zurück. Auch in Deutschland und Frankreich (7,5 %) sind die Prognosen für 2009 düster.

Am Anfang war es „nur“ eine Finanzkrise, die vor genau einem Jahr in den USA ausgebrochen ist. „Die Realwirtschaft folgt mit zwei bis drei Quartalen Verzögerung, nach einem weiteren halben Jahr schlägt die abgeschwächte Konjunktur auf den Arbeitsmarkt durch“, erklärt Johannes Kopf.

Besonders betroffen sind davon zunächst Betriebe, die für den Export produzieren: Sinkende Nachfrage, ein schwacher Dollar in Kombination mit steigenden Löhnen in Österreich gibt Unternehmen nur wenig Spielraum. „Das Massengeschäft ist in Europa nicht mehr möglich. Man muss schauen, dass man den Sprung zu einer maßgeschneiderten Fertigung für die Region schafft“, sagt Hans Lang vom Leiterplattenhersteller AT&S. Was heißt, dass hierzulande die Kapazitäten eher ab- als ausgebaut werden.

Hohe Rohstoff- und Energiekosten
Dazu kommen die ebenfalls infolge der Finanzkrise enorm gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten. Österreich ist davon unterschiedlich betroffen. Die österreichische Papierindustrie etwa profitiert – im Gegensatz zu den schwächelnden Deutschen – vom Ökostromgesetz, das die Einspeisung von Strom aus Lauge fördert und damit die Konsequenzen der hohen Strompreise mildert. Voll erwischt hat es die Autozulieferer – die hohen Benzin- und Dieselpreise regen derzeit nicht zum Autokauf an, und das besonders in den USA. Der steirische Zulieferer Lear baut Personal ab, der Autotextil-Produzent Eybl in Niederösterreich ist in die Krise geraten, und der Gurtenhersteller TRW in Salzburg stellt die Produktion ein.

Inflation und Konsumflaute
Infolge der hohen Energiepreise stiegen auch die Nahrungsmittelpreise – und damit bleibt den Österreichern weniger Geld fürs Shopping. „Die Binnennachfrage schwächt sich wegen der Inflation deutlich ab, das trifft natürlich vor allem den Handel“, erklärt Ewald Walterskirchen. „Die Inlandsnachfrage kann also die Schwächung im Export nicht ausgleichen.“ Die Stimmung ist derzeit so schlecht wie nie: 74 Prozent der Österreicher sind der Meinung, ihr Lebensstandard sei seit dem Vorjahr gesunken, 67 glauben, nächstes Jahr werde es ihnen noch schlechter gehen, ergab Anfang August eine Erhebung von IMAS. Das ist der schlechteste Wert, seit diese Daten erhoben werden.

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15.8.2008 15:23