Olympisches Komitee in Argumentationsnot:
Chinas Medienpolitik wird heftiger kritisiert
- IOC-Sprecherin Giselle fährt weiterhin Streichelkurs
- Übergriffe auf ausländische Journalisten dokumentiert
Der Ton wird rauer in Peking. Im riesigen olympische Medienzentrum wird die Stimmung von Tag zu Tag schlechter, weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele als Erfolg verkaufen will. Die Heerschar der Journalisten erwartet von den höchsten IOC-Vertretern aber nach wie vor klare Worte zu Medienzensur und Menschenrechtsverletzungen. Das IOC kontert aber mit verbalen Streicheleinheiten für die chinesischen Olympia-Macher.
Im Zentrum der Kritik steht dabei IOC-Sprecherin Giselle Davies. Die stets freundlich lächelnde Britin ist in die undankbare Rolle der IOC-Verteidigungsministerin geschlüpft, die auf den täglichen Pressekonferenzen Angriff um Angriff pariert.
"Wir haben derzeit keine Kritik", lautet ihre Standardantwort. Ob sie sich nicht schäme? "Nein, das tue ich nicht." Das IOC sei "sehr glücklich", weil die Spiele operativ und organisatorisch bestens funktionieren. Das ist aber genau das, was viele Reporter in dem großen Pressekonferenzsaal nicht hören wollen. Seit Jahren ist das IOC bei Menschenrechtsorganisationen nicht gut angeschrieben, weil es 2001 die Spiele an das autoritäre China vergeben hat. Giselle Davies muss diese Entscheidung jetzt ausbaden.
"Wir erwarten keine perfekten Spiele"
Die Tochter eines BBC-Sportreporters bittet, alle Fragen geradeheraus und direkt zu stellen. "Kein Problem." Prompt fragte sie ein Journalist, ob das IOC Giselle Davies auferlegt hat, die chinesischen Gastgeber nicht zu verärgern. "Überhaupt nicht", antwortete Davies, wobei ihr meist strahlendes Lächeln schon leicht gequält wirkte. "Wir erwarten keine perfekten Spiele." Die Athleten kämen mit "wirklich positiven Rückmeldungen" zum IOC.
Die hartnäckigsten Fragen im Pressezentrum kommen stets von britischen Reportern. "Eisig beherrscht und heiter" sei Davies, urteilt die Londoner "Times" in einem Kommentar.
Ausländische Reporter in neun Fällen attackiert
Doch ungeachtet seiner heiteren Sprecherin ist es mehr als unwahrscheinlich, dass es dem IOC gelingen wird, die Kritiker zu überzeugen. Über Jahre argumentierte der Verband, die Spiele würden zur Öffnung Chinas beitragen. IOC-Präsident Jacques Rogge versprach noch kurz vor Beginn der Spiele unzensierten Zugang zum Internet. Mittlerweile steht das IOC brüskiert da, weil die chinesischen Behörden den Verband in dieser Frage abblitzen ließen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch listete neun Fälle auf, in denen chinesische Sicherheitskräfte ausländische Reporter kurzzeitig festnahmen oder physisch attackierten.
Human Rights Watch und andere Menschenrechtsorganisationen beklagen auch, dass die Repressalien gegen Dissidenten und Minderheiten in China nicht ab-, sondern sogar zugenommen haben. Das IOC läuft somit Gefahr, am Ende der Spiele als ohnmächtiger Debattierclub dazustehen, der von den Chinesen nach Strich und Faden über den Tisch gezogen wurde. Für Politik will das IOC weiterhin nicht zuständig sein. "Das ist ein Sportereignis", sagt Davies immer wieder.
(apa/red)